cinefest - Internationales Festival des deutschen Film-Erbes

25. Internationaler Filmhistorischer Kongress

Kalter Krieg und Film-Frühling
Das Kino der frühen 1960er Jahre


22.11. – 24.11.2012, 9.30 – 16.00 Uhr
im Gästehaus der Universität (Rothenbaumchaussee 34)
- für die Teilnahme am Kongress ist eine vorherige Anmeldung erforderlich -

Übersicht der Panels
21.11. (Eröffnung)  22.11.  23.11.  24.11.  25.11.
Das Kongress-Programm als pdf-Download

Ab 17.00 Uhr laufen im Metropolis-Kino die Filmvorführungen, die die Vorträge ergänzen.

Sonne im Netz
Slnko v sieti (CS 1962/63, Stefan Uher)
Quelle: Slovenský Filmový Ústav, Bratislava


Anfang der 1960er Jahre befand sich das Kino in der Bundesrepublik wie in der DDR in der Krise. Die Kritiker waren unzufrieden, die Zuschauer wandten sich zunehmend ab und liefen zum Fernsehen über, die Filme waren künstlerisch allenfalls Durchschnittsware und fielen auf Filmfestivals deutlich ab gegen die Beiträge der europäischen Nachbarn. So gut wie unberührt von den innovativen filmkünstlerischen Trends aus Frankreich, Italien, Polen und der CSSR folgte die Filmproduktion beiderseits der Grenze in der Regel einem mutlosen Schematismus. Während in der Bundesrepublik risikoscheue Produzenten krampfhaft an den eingefahrenen Serien-Schablonen von »Papas Kino« festhielten, lähmten in der DDR die ideologischen Vorgaben des »Sozialistischen Realismus« und Parteikampagnen gegen »Formalismus« und »kleinbürgerliche Tendenzen« die Kreativität der Filmschaffenden. Doch gleichzeitig gab es bereits ab Beginn des Jahrzehnts auch immer wieder Versuche von Filmschaffenden, inhaltlich und ästhetisch neue Wege zu gehen. Diese fanden in der Filmgeschichtsschreibung allerdings deutlich weniger Beachtung als die beiden Zäsuren, die das Bild des deutschen Films ab Mitte der 1960er Jahre prägten: Der filmpolitische »Kahlschlag« des 11. Plenums des ZK der SED im Dezember 1965 und das erste Auftreten des »Neuen Deutschen Films« im Jahr 1966.

Cinefest 2012, das von CineGraph (Hamburg) und Bundesarchiv-Filmarchiv (Berlin) veranstaltete IX. Internationale Festival des deutschen Film-Erbes und der 25. Internationale Filmhistorische Kongress widmen sich deshalb den Reaktionen von Regisseuren, Kritikern und Kulturfunktionären auf die deutsche Filmkrise in der ersten Hälfte der 1960er Jahre und verfolgen die unterschiedlichen Ansätze zu ihrer Überwindung. Anhand außergewöhnlicher Produktionen von jungen Filmmachern und Außenseitern sowie unkonventioneller Werke von Etablierten soll erörtert werden, auf welche Weise nach neuen Themen und Stilmitteln gesucht wurde, auf welche Widerstände und Grenzen diese Bemühungen stießen und ob dabei Impulse des internationalen Kinos wie der »Neuen Wellen« in den Nachbarländern aufgenommen wurden.

Obwohl sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Filmproduktion in der Bundesrepublik und der DDR radikal voneinander unterschieden, kann eine gesamtdeutsche Perspektive auf diesen Zeitraum Aufschluss geben über mögliche Analogien und Kongruenzen, Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten in der Entwicklung des deutsch-deutschen Kinos oder auch die Beharrungskraft sozialer Traditionen. Besonders fruchtbar scheint dieser Ansatz, wenn man dem unterschiedlichen Zugriff auf Themen nachgeht, die unter den Vorzeichen des »Kalten Krieges« auf beiden Seiten der Grenze virulent waren: In Filmen, die den Zustand der eigenen Gesellschaft, die NS-Vergangenheit oder die Teilung Deutschlands verhandelten, ging es implizit oder explizit oft auch um den anderen deutschen Staat.

Für die Entwicklung des DEFA-Films war der Bau der Mauer im August 1961 das entscheidende Ereignis. Nun hoffte eine neue Generation Filmschaffender aus Filmhochschule und Nachwuchsstudio darauf, sich endlich solidarisch-kritisch und auf ästhetisch anspruchsvolle Weise mit den ökonomischen und sozialen Problemen beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft auseinandersetzen zu können. Das erste Panel wird die wichtigsten Stationen, Akteure und Ereignisse dieses Prozesses bis zum »Kahlschlag« aus der Sicht eines Filmschaffenden rekapitulieren und im Vergleich mit der tschechoslowakischen »Neuen Welle« die Gründe des Scheiterns verdeutlichen. Drei Fallstudien vertiefen ausgewählte Aspekte der DEFA-Entwicklung: Die forcierte Produktion von Genrefilmen, die den Wünschen des Publikums nach mehr Unterhaltungsfilmen nachkommen sollte; die inhaltlichen und stilistischen Veränderungen in der Darstellung von Republikflüchtlingen nach dem Mauerbau und die Rolle der Zeitschrift »film – Wissenschaftliche Mitteilungen« als Diskussionsforum für Filmschaffende und Kritiker in der »heißen Phase« vor dem 11. Plenum.

In der Bundesrepublik war das 1962 von einer Gruppe münchner Filmschaffender verfasste »Oberhausener Manifest« der öffentlichkeitswirksamste Versuch eines Neuanfangs, deren Verfasser inzwischen oft als »Väter des Neuen Deutschen Films« gewürdigt werden. Doch neben den »Oberhausenern«, die »Papas Kino« kurzerhand für tot erklärten, versuchten andere Regisseure und Autoren dagegen ihre ganz unterschiedlichen Visionen eines neuen Kinos zu realisieren. Ein Panel stellt zwei lokale Schwerpunkte vor, an denen sich Neues entwickelte: In Berlin nahm 1964 die Filmabteilung des Literarischen Colloquiums unter Wolfgang Ramsbott ihre Arbeit auf und machte – auch in Verbindung mit der ersten Filmklasse der HfbK in Hamburg – mit originellen Experimental- und Kurzspielfilmen u.a. von George Moorse und Helmut Herbst von sich reden; in München bildete sich eine Gruppe stark an der »Nouvelle Vague« und dem US-Genrekino orientierter Filmmacher unkonventioneller Kurzspielfilme um Rudolf Thome, Klaus Lemke, Max Zihlmann und Eckhart Schmidt. Auch innerhalb der traditionellen Produktionsstrukturen gab es vereinzelte Ansätze der Erneuerung, doch gerade etablierte Regisseure wie Helmut Käutner und Rudolf Jugert standen mit ihren Werken auch unter verschärfter Beobachtung durch die Fachpresse, was anhand der Rezensionen ihrer Filme in der Zeitschrift »filmkritik« nachgezeichnet wird. Wechselseitige Rezeption und Beeinflussung zwischen Filmschaffenden, Kritik und Filmwissenschaft ist auch das Thema eines transnational angelegten Beitrags, der die entsprechenden Verbindungen zwischen der Bundesrepublik und Frankreich beleuchtet.

Zwei system- und länderübergreifend angelegte Panels untersuchen die unterschiedlichen Strategien des deutschsprachigen Kinos im Umgang mit den politisch und gesellschaftlich relevanten Themen der frühen 1960er Jahre. Mit der Konstruktion von Rollenmodellen und Geschlechterbildern beschäftigen sich Vorträge zum Szenen- und Kostümbild in west- und ostdeutschen Filmen, zur Kritik am »soldatischen Mann« im DEFA-Ehedramolett LOTS WEIB und zur Darstellung der Emanzipation weiblicher Teenager im österreichischen Film. Wie politische Zeitkritik und Vergangenheitsbewältigung in der Produktion und Rezeption von Filmen miteinander verbunden waren, verdeutlichen Vorträge zu den satirischen Rundumschlägen des Kabarettisten Wolfgang Neuss gegen Kalte Krieger, Altnazis und Spießer jeglicher Couleur sowie zur Thematisierung und Instrumentalisierung der NS-Verbrechen in den Filmen beider deutscher Staaten.

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Programm

(Änderungen vorbehalten)

21.11. (Eröffnung)  22.11.  23.11.  24.11.  25.11.
Das Kongress-Programm als pdf-Download


Mittwoch, 21. November 2012

Metropolis-Kino (Kleine Theaterstr. 10)


17:00
Kurzfilmprogramm: Die Jungen Münchner
Kleine Front (D 1964, Klaus Lemke), 18 Min
Die Versöhnung (D 1964, Rudolf Thome), 18 Min
Frühstück in Rom (D 1965, Max Zihlmann), 17 Min
Henker Tom (D 1966, Klaus Lemke), 11 Min
Einführung: Karlheinz Oplustil, Berlin


19:30
Kongress-Eröffnung mit Gästen und Verleihung der Willy-Haas-Preise
Durch den Abend führt Johannes Roschlau
Eröffnungsfilm: 
Zwei Unter Millionen
(D 1961, Victor Vicas, Wieland Liebske), 96 Min
Zu Gast: Loni von Friedl


Im Anschluss laden wir zu einem Umtrunk im Foyer des Kinos.

 

Kongress im Gästehaus der Universität 
(Rothenbaumchausee 34)


Donnerstag, 22. November 2012

09:30
Begrüßung

09:45 – 11:45
Panel 1: »NEUE WELLE« BEI DER DEFA?
Wolfgang Kohlhaase, Berlin: Kunst – Ware – Politik. DEFA zwischen 1961 und 1965
Milan Klepikov, Prag: Was ging wann im tschechischen Film – und warum? Fragen an die Filmgeschichtsschreibung


11:45 – 12:00
Buchvorstellung Olaf Brill: »Der CALIGARI-Komplex«

13:15 – 16:00
Panel 2: FALLSTUDIEN: DEFA-FILM IM AUFBRUCH
Ralf Forster, Berlin: Politisch korrekte Annäherungen an die internationale Filmsprache. Republikflucht und Mauerbau im DEFA-Spielfilm 1962-1967
Ralf Schenk, Berlin: Der Versuch, Kino von Welt zu machen. Kurt Maetzig und sein gescheitertes Millionenprojekt Henri Quatre
Wolfgang Gersch, Berlin: »Wir haben geglüht!« Die DDR-Filmzeitschrift »film – Wissenschaftliche Mitteilungen« 1964/65


Filmprogramm vom 22.11.

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Freitag, 23. November 2012

09:30 – 12:30
Panel 3: MODERNE MENSCHEN? – ROLLENBILDE IM DEUTSCHSPRACHIGEN FILM
Evelyn Hampicke, Berlin: Lots Weib: Frauen-Film macht Männer-Bilder. Versuch einer Absage an den soldatischen Mann
Donata Haag, Berlin: Möblierte Damen in mobilen Verhältnissen. Ausstattungsstrategien in Filmen aus BRD und DDR
Thomas Ballhausen/Günter Krenn, Wien: Von »Halbzart« bis »Verwundbar«. Konturen und Fluchtlinien weiblicher Emanzipation im österreichischen Spielfilm 1957-1967


14:00 – 16:00
Panel 4: REZEPTION UND REFLEKTION
Thomas Brandlmeier, München: Altherrenexzesse unerwünscht. Helmut Käutner, Rudolf Jugert und die Filmkritik
Bernard Eisenschitz, Paris: Hin und her zwischen den Jahrzehnten. Filmmacher und Cineasten in Frankreich und Deutschland


Filmprogramm vom 23.11.

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Samstag, 24. November 2012

09:30 – 11:30
Panel 5: FILM IN DER BUNDESREPUBLIK: DIE JUNGEN WILDEN
Karlheinz Oplustil, Berlin: Abseits Oberhausen und vor '68. Geschichten zwischen München und Hollywood.
Michael Töteberg, Hamburg: Kino der Autoren. Das Literarische Colloquium Berlin als Filmproduzent 1964-66

11:30 – 11:45 Buchvorstellung Sabine Hake: »Screen Nazis: Cinema, History, and Democracy«

13:15 – 15:15
Panel 6: ZEITKRITIK UND VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG
Klaus Kreimeier, Berlin: Anti-Kino mit der Pauke. Wolfgang Neuss´ filmische Subversionsversuche
Christoph Classen, Berlin/Potsdam: Coming to Terms with the Past? Die NS-Vergangenheit im west- und ostdeutschen Spielfilm in den frühen 1960er Jahren

15:15 – 16:00 Abschlussdiskussion

Filmprogramm vom 24.11.

Filmprogramm vom 25.11.


Konzeption: Johannes Roschlau
Beratung: Hans-Michael Bock, Karl Griep, Milan Klepikov, Christian Bau

Organisation: Erika Wottrich
Coordination Bundesarchiv-Filmarchiv: Roland Foitzik


Weitere Informationen bei:
CineGraph e.V., Schillerstr. 43, 22767 Hamburg
Tel.: +49-(0)40-352194, Fax: +49-(0)40-345864
email: kongress(at)cinegraph.de
Kontakt: Johannes Roschlau, Erika Wottrich

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Rückblick auf den 24. Internationalen Filmhistorischen Kongress
Rückblick auf den 23. Internationalen Filmhistorischen Kongress
Rückblick auf den 22. Internationalen Filmhistorischen Kongress
Rückblick auf den 21. Internationalen Filmhistorischen Kongress
Rückblick auf den 20. Internationalen Filmhistorischen Kongress
Rückblick auf den 19. Internationalen Filmhistorischen Kongress
Rückblick auf den 18. Internationalen Filmhistorischen Kongress

Rückblick auf die Kongresse 1989-2004

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