Die Lebensgeschichte der Guste, die in der Kaiserzeit als uneheliches Kind eines Dienstmädchens geboren wird. Auch sie wird Dienstmädchen, heiratet dann den Arbeiter und Gewerkschafter Paul und bekommt mit ihm zwei Kinder. Sie erleben einige Jahre eines bescheidenen Glücks. Dann kommt der Erste Weltkrieg, Paul wird eingezogen und Guste arbeitet in einer Munitionsfabrik. Als ihr der verbrecherische Charakter des Krieges klar wird, kündigt sie und schlägt sich als Fensterputzerin durch. Paul kehrt aus dem Krieg zurück, doch in der Zeit von Weltwirtschaftskrise und aufkommendem Faschismus als politisch unzuverlässig eingestuft, wird er arbeitslos und stirbt bald darauf. Im Zweiten Weltkrieg verliert Guste auch ihren Sohn. Nun bleibt die Sorge für die Enkelin Christel, der sie nach Kriegsende zum Studienbeginn aus der buntkarierten Bettwäsche der einfachen Leute ein Kleid näht.
Guste’s life story is portrayed. She is born the illegitimate child of a maid in imperial
Regie: Kurt Maetzig. Regie-Assistenz: Zlata Mehlers. Buch: Berta Waterstradt; nach ihrem Hörspiel »Während der Stromsperre« (1948). Kamera: Friedl Behn-Grund, Karl Plintzner. Optische Effekte: Ernst Kunstmann. Bauten: Emil Hasler. Bau-Ausführung: Emil Hasler, Walter Kutz, Hermann Asmus. Kostüme: Walter Schulze-Mittendorf. Schnitt: Ilse Voigt. Ton: Erich Schmidt. Musik, Arrangements: H. W. Wiemann.
Darsteller: Camilla Spira (Guste), Werner Hinz (Paul), Lotte Lieck (Großmutter), Friedrich Gnass (Großvater), Carsta Löck (Emma), Ursula Diestel (Frieda), Yvonne Merin (Marie), Kurt Liebenau (Hans), Yvonne Sturm (Erika), Margarete Klopstech (Suse), Brigitte Krause (Christel), Willi Rose (Landsturmmann), Herbert Hübner (Major Markenbrunn), Ilva Günten (Majorin Markenbrunn), Hans Klering (Anton, Bursche bei Markenbrunn), Else Reval (Köchin), Eduard von Winterstein (Oberst), Hans Alexander (Gustav), Käthe Alving (Hebamme), Walter Bluhm (Levin), Susi Deitz (Frau Schulz), Lothar Firmans (Rektor), Waltraut Kramm (Ruth Levin), Arno Paulsen (Schulz), Hans Schoelermann (Arzt), Albert Venohr (Werkmeister), Hans-Jürgen Jacoby (Hans), Evelyne Köhler (Kind Guste), Katja Maetzig (Ingrid), Dorothea Müller (Kind Emma), Micaëla Kreißler (Christel als Kind), Werner Peters (Oberleutnant von der Lohe), Peter Marx (Auktionator), Werner Schöne, Inge van der Straaten, Franz Weber, Kurt Weitkamp, Elisabeth Wendt, Walter Gross, Arno Paulsen, Ilse Trautschold, Liselotte Köster (Tänzerin), Jockel Stahl (Tänzer).
Produktion: DEFA Deutsche Film-AG, Berlin/DDR. Produktionsleitung: Karl Schulz. Produktions-Assistenz: Werner Ludwig. Aufnahmeleitung: Fritz Brix, Hans Pauli. Drehzeit: Dezember 1948 Januar 1949. Drehort: Althoff-Atelier Potsdam-Babelsberg. Außenaufnahmen: Berlin und Umgebung, Lokomotivbau-Elektrotechnische Werke (LEW) Henningsdorf. Länge: 105 min, 2862 m. Format: 35mm, s/w, 1:1.33. Zensur: 14.12.1948, SMZ 418886. Uraufführung: 8.7.1949, Berlin/Ost (Babylon), 11.7.1949, LEW Henningsdorf (Zonenpremiere), EABRD: x.1958.
Nationalpreis II. Klasse 1949 an Kurt Maetzig, Friedl Behn-Grund, Berta Waterstradt und Camilla Spira.
Kopie: Progress-Film-Verleih, Berlin.
Um es vorweg zu sagen: mit den Buntkarierten wetzt die DEFA manche Scharte aus. Sie hat sich wieder auf die größte Aufgabe des heutigen Films besonnen, nicht Traumfabrik zu sein, sondern Spiegel der Zeit und Mitgestalter des Bewußtseins.
In den Buntkarierten nämlich der Name kennzeichnet die, die auf der Schattenseite des Lebens stehen und unter buntkarierten Bettbezügen schlafen zieht nicht allein mosaikartig das Leben dreier Generationen von Berlinern am Beschauer vorüber, in der Art etwa eines Sittengemäldes oder Kulturbilderbuches, sondern es wird auch das Fazit dieses Lebens und die Lehre aus ihm gezogen und der Zuschauer, insofern er nicht völlig stumpf ist, gezwungen, seinerseits nachdenklich, erschüttert und beschämt, Bilanz und hoffentlich die Lehre zu ziehen.
Das könnte so klingen, als ob in den Buntkarierten gepredigt und der Zeigefinger belehrend erhoben würde und als ob hier jener große Teil des Publikums vergessen wäre, der unterhalten und nicht belehrt werden will, wenn er vor der Leinwand sitzt. Gewiß ist dieser Film kein Spielfilm der herkömmlichen Art. Es »passieren« nicht ununterbrochen aufregende Dinge, und er sprengt schon allein damit, daß er sich über siebzig Jahre erstreckt, das gewöhnliche Maß. Aber einmal liegt sein Verdienst darin, daß er (mit sehr geringfügigen Ausnahmen) nicht predigt und nicht den Zeigefinger hebt, ein Verdienst, das um so höher zu werten ist, als ihm von hier thematisch die größte Gefahr drohte, zum andern eben in dem, was ihn so turmhoch über den »Kintopp« stellt: daß er nämlich nicht ein absonderliches, ereignisreiches Leben auf Grund einer am grünen Tisch ausgeknobelten Filmstory gibt, sondern ein durchschnittliches, typisches und darum bis in die Einzelheiten glaubhaftes Schicksal.
Auch hier wurde mit großem Takt und bemerkenswertem Instinkt eine lockende Gefahr vermieden. Man hätte eine größere und plumpe Kinowirksamkeit erzielen können, wenn man Mutter Guste, die Heldin, an einem Munitionsarbeiterstreik im Jahre 1917 hätte teilnehmen lassen, wenn man sie zur illegalen Widerstandskämpferin nach 1933 gemacht hätte und ihren Sohn zu einem SA-Mann oder Konzentrationslagerinsassen. Dies alles tat die Autorin des hervorragenden Drehbuchs, Berta Waterstradt, nicht und gewann dadurch für den Film an Wirklichkeitsnähe, Glaubhaftigkeit und echter Wirkung, was sie an scheinbarer Wirkung (die tatsächlich nur äußerer Effekt gewesen wäre) verlor.
So ist diese Mutter Guste die typische, gesunde und klare, hellsichtige Proletarierfrau geworden, die zwar zuweilen unverkennbar verwandte Züge mit Gorkis »Mutter« aufweist, aber eben wahrheitsgemäß nicht Gorkis »Mutter« ist, weil die deutsche Entwicklung leider nicht die russische war, weil selbst Frauen vom Typ Guste zwar Unheil erkannten und dagegen protestierten, aber weder entschieden genug noch als Repräsentanten einer Minderheit imstande waren, das mit den hellen Sinnen einer modernen Kassandra vorausgesehene Schicksal zu ändern.
Gerade darin ganz zu schweigen vom tragischen Irrtum des Mannes, des Gewerkschafters, der auf dem Totenbett erkennen muß, daß es mit Organisationsarbeit und Kampf um Tarifverträge nicht genug war liegt Lehre und »Moral« dieser Generationsgeschichte, liegt die ungeheuer starke Mahnung an die Enkel, es besser auszufechten.
Darum können wir nicht nur sagen: »So ist es wirklich und leider gewesen«, sondern auch: »So hätte es nicht sein dürfen.« Womit dieser Film beides ist, was wir von ihm fordern: Spiegel und Bewußtseinsbildner. Und womit wir, wie das Premierenpublikum, hundertprozentig Ja zu ihm sagen.
- Wolfgang Joho: Hundertprozentig Ja zu einem Film
Neues Deutschland, 11.7.1949
Selbstverständlich, daß der Film eine Tendenz hat, eine sehr deutliche sogar. Und bisweilen fragt man sich, wer angesprochen werden soll: nur der Westen, wenn Camilla Spira Schluß macht mit der Granatendreherei im ersten Weltkrieg, oder etwa alle Arbeiter und Arbeiterfrauen? Nur der Westen, wenn es heißt, man müsse den Krupps das Geld wegnehmen, damit sie nicht wieder Kriegsmaterial herstellen können, oder etwa auch die andere Seite? Doch hier beginnt die aktuelle Politik, und damit wird es schwierig; für den Film und für sein Publikum, das ihm glauben will.
- S.F.: Kariert und mondän.
Die Neue Zeitung, 10.7.1949.
Die DEFA hat eine Parallele zum Engel mit der Posaune geschaffen, die sich sehen lassen kann, denn dieser ostzonale Generationsfilm, der das Schicksal einer Arbeiterfrau von ihrer unehelichen Geburt bis zur Fürsorge der Oma für die an der Linden-Universität studierende Enkeltochter schildert, verfolgt seine Tendenz, das Milieu der »kleinen Leute« abzubilden und zur Anklage gegen die Veranlasser von zwei Kriegen zu machen, mit weit mehr Sauberkeit, Takt und Ehrlichkeit als unsere österreichischen Freunde ihren trotz Paula Wesselys schauspielerischer Leistung befremdlichen Nachweis, daß die Wiener mit Nationalsozialismus rein gar nichts zu tun hatten.
- S.: Die Buntkarierten
Evangelischer Film-Beobachter, Nr. 16, 16.8.1949