Ein Kriminalfall im trostlosen Paris der Nachkriegszeit: Georges Brignon ist ein einflussreicher Filmagent, aber auch ein lüsterner alter Mann. Die ehrgeizige Varieté-Sängerin Jenny Lamour lässt sich überreden, sich allein mit ihm in seiner Villa zu treffen. Als ihr eifersüchtiger Ehemann Maurice davon erfährt, will er Brignon ermorden. Er verschafft sich ein Alibi und erscheint mit einer Waffe in der Hand in der Villa aber da ist Brignon bereits tot. Jenny glaubt, sie habe den Mord begangen, da Brignon zudringlich geworden ist und sie daraufhin eine Flasche auf seinem Schädel zertrümmert hat. Ihre ergebene Freundin Dora will helfen und geht zum Tatort, um Spuren zu beseitigen, hinterlässt dabei aber selbst welche. Gegen alle drei ermittelt Inspektor Antoine von der Kriminalpolizei, die ihren Sitz am Quai des Orfèvres hat.
A criminal case in a desolated post war Paris: Georges Brignon is an influential film agent, but also a lewd old man. He persuades ambitious Varieté singer Jenny Lamour to meet him alone in his villa. When her jealous husband Maurice learns about their rendezvous, he’s ready to kill Brignon. He creates an alibi and arrives at the villa, gun in hand only to find that Brignon is already dead. Jenny believes she has killed him, because when he got too fresh, she hit him over the head with a bottle. Dora, a good friend of Jenny’s, wants to help and goes to the crime scene to erase any traces of evidence, but in doing so, she leaves revealing evidence of her own. Inspector Antoine from the Paris Criminal Investigation Department, which is located at Quai des Orfèvres, now investigates all three of them.
Regie: Henri-Georges Clouzot. Regie-Assistenz: Serge Vallin. Script: Laurence Clavius. Buch: Henri-Georges Clouzot, Jean Ferry; nach dem Roman »Légitime Défense« (1942) von Stanislas-André Steeman. Kamera: Armand Thirard. Kameraführung: Louis Née. Standfotos: Lucienne Chevert. Bauten: Max Douy. Kostüme: Jacques Fath. Maske: G. Bourban. Schnitt: Charles Bretoneiche. Ton: William Sivel. Musik: Francis López. Musikalische Leitung: Albert Lasry. Liedtexte: André Hornez. Gesang: Suzy Delair. Musik-Titel: »Avec son tralala«, »Danse avec moi«. Technische Beratung: Henri Sorbets.
Darsteller: Suzy Delair (Marguerite Chauffournier Martineau, Jenny Lamour), Bernard Blier (Maurice Martineau), Louis Jouvet (L'inspecteur adjoint Antoine), Simone Renant (Dora Monier), Jean Daurand (L'inspecteur Picard), Pierre Larquey (Emile Lafour, un chauffeur de taxi), René Blancard (Le commissaire principal de la P.J.), Robert Dalban (Paulo, un truand), Charles Dullin (Georges Brignon), Henri Arius (Léopardi, l' éditeur de musique), Charles Blavette (Le gendarme Poitevin), Jean Dunot (Nitram, un chanteur comique), Claudine Dupuis (Manon), Jeanne Fusier-Gir (Pâquerette, la dame du vestiaire), Jacques Grétillat (Auguste), Gilberte Géniat (Mme Beauvoir, la concierge), François Joux (L' officier de police Fayard), Léo Lapara (L'inspecteur Marchetti), Henri Niel (L'inspecteur qui a la dinde), Dora Doll (Léa), André Numès fils (L'inspecteur comptable), Annette Poivre (Madeleine, la téléphoniste), Georges Pally (Poiret, le régisseur de l'Eden), Fernand René (Mareuil, le directeur de l'Eden), Jean Sinoël (Le vieux journaliste), Raymond Bussières (Albert, un caïd), Charles Vissière (Fallourd, ancien chanteur), Paul Toscano (Lead Violinist de l'orchestre Tzigane), Joëlle Bernard (Ginette), Paul Demange (L'inspecteur qui arrête Albert), Bob Ingarao (Un inspecteur), Jean Hébey (L'excentrique), Gabriel Gobin (Le patron du café), Franck Maurice (L'inspecteur Dietrich), Michel Seldow (Le prestidigitateur), Julot et Picratt (Le duo cycliste de l'Eden), René Lacourt (Un serveur de café), Joé Davray (Le journaliste qui arrive en moto), Paul Temps, Palmyre Levasseur, Raphaël Patorni, Yvonne Ménard, Claire Olivier, Claude Péran, Jean Sylvère, François-Gilbert Moreau, Marcel Rouzé, Sacha Tarride, Maurice Juniot, Christian Marquand, Jeanine Ralut, Edouard Francomme, Guy Rapp.
Produktion: Majestic Films, Paris. Chef de production: Roger De Venloo. Directeur de production: Louis Wipf. Aufnahmeleitung: Lucien Lippens, Basile, Jacquillard. Drehzeit: 3.2. 10.5.1947. Drehort: Studios de Neuilly, Neuilly-sur-Seine, Studios de Saint-Maurice, Außenaufnahmen: Paris. Länge: 105 min. Format: 35mm, s/w, 1:1.33.
Uraufführung: 3.10.1947, Paris; Deutsche Erstaufführung: 13.9.1949.
Arbeitstitel: »Joyeux Noel«.
IFF Venedig 1947: Beste Regie.
Edgar Allan Poe Awards 1949: Bester ausländischer Film.
Kopie: Bureau du Film des Französischen Außenministeriums, Paris
Ein düsteres aber starkes Bild
H. G. Clouzot, der Regisseur von L’Assassin habite au 21 und des Corbeau, hat einen schwarzen Humor. Quai des Orfèvres ist ein schwarzer Film, der sich an Carnés Vorkriegsfilme anschließt, an Quai des Brumes und Le jour se lève. (Man könnte meinen, es könne auf der Leinwand keine anderen als düstere Kais geben!) Die Helden sind mittelmäßige Leute, die durch einen banalen künstlerischen Ehrgeiz in unangenehme Abenteuer gezogen werden. Wenn sie unbeschadet daraus hervorgehen, nachdem die Bösen bestraft und die Unschuldigen von jedem Verdacht befreit wurden, dann nur, um in diese schäbige Existenz zurückzukehren, aus dem einzig das Böse sie fast hätte herausholen können. In der Vorstellung jener Zuschauer, die allzu leicht beeinflussbar sind, kann das Gute dadurch zu einer Art von Synonym des Mittelmäßigen werden.
Sicher mangelt es nicht an solchen Leuten in der Realität. Und es schadet auch nicht, daran zu erinnern, aber es ist zu willkürlich, einzig sie darzustellen und noch dazu mit Selbstgefälligkeit. Mit anderen Worten, wenn an Clouzots Film etwas anfechtbar ist, dann das Drehbuch, umso mehr als es vom rein literarischen Standpunkt aus betrachtet ziemlich schwach ist.
Dennoch tritt die banale Krimihandlung mehrfach hinter eine psychologische Analyse oder eine hochinteressante soziale Studie zurück. Es ist, glaube ich, zumindest in Frankreich, das erste Mal, dass ein Film versucht, ein getreues Bild des Polizeimilieus zu geben.
Eine perfekte Regie
Wenn ich »perfekt« sage, ist das ein Euphemismus. Ich müsste sagen: »glänzend« (wie es die Jurymitglieder der Biennale von Venedig fanden, die Quai des Orfèvres für die Qualität seiner Regie preisgekrönt haben).
Clouzot hat sich bisher vor allem durch seinen starken Sinn fürs Detail, besonders das unangenehme, ausgezeichnet. Dieser Film bezeugt einen ebenso treffenden Sinn für Aufbau und Rhythmus. Der Schnitt, die Dialoge, die Aufnahmewinkel, der Bildaufbau, die Kamera, die Beleuchtung, die Ausstattung, der Ton, die Montage alles ist perfekt, d.h. »glänzend«.
- Jean Thévenot: Quai des Orfèvres
Jeunesse ouvrière, Nr 50, 22.11.1947
Wenn alle Kriminalfilme so wären wie Unter falschem Verdacht, dann gäbe es vielleicht weniger ihres Schlages. Das unter seinem französischen Titel Quai de Orfèvres berühmt gewordene Werk Clouzots läßt dem Verbrechen keine Spur vom Reiz des Bösen, und denen, die nach dem Verbrecher fahnden, auch keinen Schimmer detektivischen Glanzes. Verbrecher, Verfolger, unschuldig Verwickelte sind alle mittelmäßig: aber nicht in der heute so beliebten Weise, daß die Welt zu einer hoffnungslos grauen Soße zusammenliefe. Die Herzen sind am rechten Fleck und dürfen sich bewähren. Es ist ein sehr menschlicher Film und ein sehr pariserischer Film. Man kann nur ahnen, wieviel an Lokalkolorit allein durch die Synchronisation verlorengeht. Bernard Blier wieder einmal in der Rolle eines Schwachen, Brüchigen, Louis Jouvet als hemdsärmeliger, gegerbter und doch weicher Polizeiinspektor es kann der besten Synchronisation nicht gelingen, diesen beiden großen Schauspielern eine wesensgemäße Stimme zu finden. Doch auch noch in der deutschen Fassung bleibt der Eindruck eines starken Filmes, der aus der Illusionswelt seiner Branche ausbricht und in den mittelmäßigen, aber menschlichen Alltag steigt, die Dinge und die Menschen betrachtend, nüchtern, aber freundlich und ohne Bitternis, uns so mit dem Film und dem Alltag zugleich versöhnend.
- Id: Unter falschem Verdacht
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.1950