Der junge Bildhauer Peter Brake ist ein früher Anhänger des Nationalsozialismus, der die ganze moderne Kunst für entartet hält. Um zu beweisen, dass Künstler auch in der Gegenwart klassische Werke schaffen können, stellt er eine Venus-Statue im Stil der griechischen Antike her und vergräbt sie im Wald. Als sie im Jahr 1930 wieder ausgegraben wird, hält man sie für eine 2000 Jahre alte, antike Statue. Peter erklärt vor Gericht, dass er der Schöpfer der Statue sei, aber man glaubt ihm nicht und klagt ihn des Meineids an. Die Einzige, die die Wahrheit bezeugen könnte, ist die junge Frau, die Peter für die Figur Modell gestanden hat. Doch da diese inzwischen mit einem Bürgermeister verheiratet ist, will Peter ihr keine Schwierigkeiten bereiten und schweigt. Erst als sie von dem Prozess erfährt, macht sie eine Aussage.
Young sculptor Peter Brake is an early devotee of the national socialist movement, which claims that modern art is degenerated. In an effort to prove that contemporary artists can also create classical works Brake sculpts a Venus in an ancient Greek style and buries it in the forest. In the year 1930 the statue is discovered again and taken for a 2000 year old antique work of art. Peter claims in court that he is the creator of the statue, but nobody believes him and he is accused of perjury. The only person who is able to prove him right is the young woman who stood model for the statue. But she is now married to the city’s mayor and Peter doesn’t want her to get into trouble. After hearing about the process, she testifies in court.
Regie, Buch: Hans H. Zerlett. Regie-Assistenz: Elly Rauch. Kamera: Oskar Schnirch. Standfotos: Rudolf Reißner. Bauten: Hans Sohnle, Wilhelm Vorwerg, Max Seefelder. Kostüme: Maria Pommer-Pehl, Margit zur Nieden. Schnitt: Gottlieb Madl. Ton: Ludwig Heiß. Musik: Leo Leux. Musik-Titel: »Valencia« (José Padilla).
Darsteller: Hansi Knoteck (Charlotte Böller), Hannes Stelzer (Peter Brake, Bildhauer), Paul Dahlke (Gottlieb Böller, Bürgermeister), Siegfried Breuer (Benjamin Hecht, Kunsthändler), Charlott Daudert (Marianne), Ernst Fritz Fürbringer (Paul Dreysing, Zeichner), Josef Eichheim (Prof. Semmel, Bildhauer), Erhard Siedel (Kultusminister), Carl Wery (Oberstaatsanwalt), Hans Brausewetter (Staatsanwalt), Hubert von Meyerinck (Dr. Knarre, Sachverständiger), Justus Paris (Prof. Grimm, Sachverständiger), Fritz Reiff (Vorsitzender), Peter Elsholtz (Verteidiger), Adolf Gondrell (Bronsky, Agent), Liesl Karlstadt (Mathilde, Mädchen bei Böller), Eva Tinschmann (Rita, Empfangsdame bei Hecht), Elise Aulinger (Frau Wimmer, Aufwartefrau), Albert Hörrmann (Dr. Wertheimer, Referent des Kultusministers), Heini Handschumacher (Reporter), Werner Nippen (Klaus, Peters Freund), Martin Urtl [= Peter Martin Urtel] (Werner, Peters Freund), Carl Balhaus (Alfred, Peters Freund), Fritz Hoopts (Gerichtsvollzieher Brinkmann), Beppo Brem (Martin, Hausdiener bei Hecht), Dorothy von Bruck (1. Sekretärin), Edith Meinel (2. Sekretärin), Gabriele Reismüller (3. Sekretärin), Sylvia Prillinger (Mia Pia, Nackttänzerin), Heinz Burkart (Beisitzender Richter), Hellmuth Passarge (Beisitzender Richter), Ernst Firnholzer (Radioreporter), Heinrich Hauser (Pressevertreter beim Kultusminister), Georg Irmer (Fotograf), Charles Willy Kayser (Gerichtsschreiber), Walter Lantzsch (Stammgast im Oberbühler Wirtshaus), Peter Pasetti, Hanns Schulz (Wendel, Sekretär des Bürgermeisters), Kurt Stieler (Kunstsachverständiger), Tilli Tschaffon (Wirtschafterin des Oberstaatsanwalts), Rudolf Vogel (Ein Freund Hechts), Wastl Witt (Bauer Preller).
Produktion: Bavaria-Filmkunst GmbH, München [Herstellungsgruppe Ottmar Ostermayr]. Herstellungsleitung: Ottmar Ostermayr. Aufnahmeleitung: Theo Kaspar, Franz Wagner. Drehzeit: ab 13.2.1941. Drehort: BavariaAteliers Geiselgasteig. Länge: 88 min, 2407 m / DP: 87 min, 2378 m. Format: 35mm, s/w, 1:1.33, Tobis-Klangfilm. Zensur: 27.5.1941, B.55494, Jv. / DP: 10.5.1944, B.60211, Jv.
Uraufführung: 4.6.1941, Berlin (Tauentzien-Palast, U.T. Friedrichstraße).
Prädikat: Volkstümlich wertvoll.
Von den Alliierten Militärbehörden verboten.
Kopie: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden
Damals in Paris gab es viel Streit, Presselärm und Gelächter um jene Venus, die man als klassisches Meisterwerk, als Original-Aphrodite bewunderte (und bezahlte), bis sich herausstellte, daß diese Göttin keineswegs dem Haupte des Zeus, sondern nur dem pfiffigen Köpflein eines unbeachteten Bildhauers als Reklame-Trick entsprungen sei. Er schuf die Schaumgeborene aus überschäumendem Geltungsbedürfnis, vergrub sie, und hoffte, daß sich mit der Ausgegrabenen später auch seine Talente im Lichte der Öffentlichkeit sonnen könnten.
Dieser komische Pariser Venus-Skandal drängte nach einer Verfilmung. Und Hans H. Zerlett griff energisch zu, mit beiden Fäusten, daß es knackte. Er setzte die Venus auf einen politischen Sockel, in der er die Handlung nach Deutschland in die Systemzeit verlegte. Da thront sie nun, die Venus aus dem Acker, mitten im entarteten Kunstbetrieb, als ein fremdartiges, zeitfern wirkendes Symbol edel gesunder Kunst.
Ein junger, nationalsozialistischer Bildhauer schuf sie, ein idealistischer Kämpfer, ja ein Faustkämpfer für seine Überzeugungen (wie sein wunderbar gezielter Kinnhaken beweist). Irgendwo in Bayern vergrub er seine Venus, um ihrer Wiedererweckung den instinktlosen demokratischen Kunstklüngel und die korrupte Expertisen-Wirtschaft zu entlarven. Alles klappt. Bauern graben die Statue aus, die Echtheit der Venus im Acker wird von allerlei fragwürdigen Sachverständigen-Gutachten außer Frage gestellt und das Werk von einem jüdischen Kunsthändler dem Staate angedreht.
Die Menschen müssen blind sein, geblendet von der entarteten Kunst. Denn das Haupt dieser Statue hat so gar nichts von klassischer Größe an sich. Das Köpfchen dieser Venus von Geiselgasteig trägt die lieben kleinen Züge bürgerlicher Hübschheit, wie sie einem im Kino und in der Straßenbahn öfter begegnen. Aber Sachverständige, Kultusministerium, Presse und Publikum huldigen ihr dennoch um die Wette.
Jetzt hält der junge Verfertiger des Bildwerks die Stunde der Enthüllung gekommen doch niemand glaubt ihm. In seinem jungen Draufgängertum hat er versäumt, sich überzeugende Beweismittel zu sichern. Vielleicht hat er es auch nur dem Spielleiter zuliebe vergessen, denn sonst hätte es ja nicht die hochdramatischen Verwicklungen gegeben, die dem Film aus der Ebene des Lustspiels in die des kunstpolitischen Kampfspiels heben. Der französische Bildhauer hatte damals einfach die abgeschlagenen Arme als schlagende Beweisstücke aufbewahrt. Der junge Deutsche hat im Film daran nicht gedacht. Und er verzichtet auch noch edelmütig auf die einzige ernsthafte Zeugin: als er erfährt, daß das liebe Mädel, das ihm als Modell zur Venus diente, inzwischen im süddeutschen Städtchen den Bürgermeister geheiratet hat, will er das zarte kleinbürgerliche Eheglück nicht stören.
Der Prozeß gegen den jungen Nationalsozialisten, der mit seinen Enthüllungen den verlogenen Kulturbetrieb der Systemzeit lächerlich zu machen droht, hat längst einen hochpolitischen Charakter angenommen. Auf seine eidesstattliche Erklärung der Urheber der Statue zu sein, wird ihm ein Meineidsprozeß angehängt. Zwei Jahre Zuchthaus sind beantragt. Doch als das Ex-Modell das harte Urteil zufällig durch den Rundfunk erfährt, verläßt es entschlossen die Bürgermeisterstube, besinnt sich auf seine Pflicht und sagt aus. Freispruch, Auseinandersetzung mit dem Bürgermeister und dessen scheinheiliger Moral und eine Saalschlacht runden die Handlung ab. Der Künstler und sein Modell finden sich in tieferer Herzensverbundenheit wieder.
Hans H. Zerlett gibt herzhafte Proben gefilmter Zeitsatire. Er benutzt das Regiezepter gleichsam als Gummiknüppel gegen Korruption und Systemwirtschaft. Da wird nicht gefackelt. So darf Hubert v. Meyerinck den eitlen Sachverständigen, Erhard Giebel den hilflosen, jüdischberatenen Kultusminister, Siegfried Breuer den Kunsthändler Benjamin Hecht und Heini Handschumacher den Skandalreporter kräftig karikieren. Um so gewinnender wirken dagegen in ihrer unverzerrten menschlich echten Art Liesl Karlstadt als Bürgermeister-Köchin und Carl Wery als Oberstaatsanwalt. Den jungen Bildhauer spielt Hannes Stelzer mit stolzem Draufgängertum. Seine Hand weiß ebenso sicher Frauenkörper aus dem Stein wie Männerkörper aus dem Saal zu schlagen. Als sein Modell und als spätere Bürgermeister-Frau gibt sich Hansi Knoteck sympathisch schlicht.
Das Publikum lacht bereitwillig, wo es ein Stichwort zum Lachen oder ein Stichelwort findet.
- Werner Fiedler: Venus vor Gericht
Deutsche Allgemeine Zeitung, 5.6.1941