Viersektorenstadt Wien, 1950: Die Besatzungsmächte kontrollieren die Stadt, und im Jeep P2212 gehen als Angehörige der internationalen Polizei ein Amerikaner, ein Sowjet, ein Engländer und ein Franzose auf Patrouille. Diesen Monat hat der neu hinzugekommene russische Offizier das Kommando, der den Anderen distanziert und verschlossen gegenübertritt. Die Soldaten treffen auf die hübsche Franziska, deren Ehemann zwei Tage vor der geplanten Freilassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft ausgebrochen ist, sich jetzt in Wien versteckt hält und von der sowjetischen Geheimpolizei GPU verfolgt wird. Der Russe bleibt zunächst hart, doch am Ende siegt die Menschlichkeit: Die »Vier im Jeep« lassen den Gesuchten laufen und haben damit nicht nur zwei Menschen zu ein wenig Glück verholfen, sondern auch die Völkerverständigung einen großen Schritt vorangebracht.
Vienna 1950, the city is divided into four zones controlled by allied occupation forces. An American, British, Soviet and French soldier go on patrol together in Jeep P2212 as members of the international police. This month the Russian officer, who has only recently joined the group, is in command. He seems to the others in the group to be extremely remote and distanced. The soldiers meet pretty Franziska, whose husband has escaped from Soviet war captivity just two days before his official release and is now hiding in Vienna while being chased by the Soviet secret police GPU. At first the Russian officer is tough and authoritative but then humanity wins over: The “Four in a Jeep” let the fugitive escape, not only helping two people find a bit of happiness but also taking a big step towards an understanding among contrasting nations.
Regie: Leopold Lindtberg. Regie-Assistenz: Kurt Früh. Dialog-Überwachung: Elizabeth Montagu. Buch: Richard Schweizer; Mitarbeit: Wilhelm Michael Treichlinger, Hans Sahl. Englische Dialoge: William Harding. Französische Dialoge: M. Hallein. Kamera: Emil Berna. Kamera-Assistenz: Karl Lüthy. Bauten: Werner Schlichting. Bau-Ausführung: Adolf Rebsamen. Schnitt: Hermann Haller, Paula Dvorak; Assistenz: Hans Heinrich Egger. Ton: Rudolph Rolf Epstein. Musik: Robert Blum.
Darsteller: Ralph Meeker (Sergeant William Long), Viveca Lindfors (Franziska Idinger), Yoseph Yodin [= Yossi Yadin] (Sergeant Vassilij Voroshenko), Michael Medwin (Sergeant Harry Stuart), Dinan [= Albert Dinan] (Sergeant Marcel Pasture), Paulette Dubost (Germaine Pasture), Harry Hess (Captain R. Hammon), Hans Putz (Karl Idinger), Eduard Leibner (Hackl, Hauswart), Geraldine Katt (Steffi, Harrys Freundin), François Simon (französischer Polizist), Gregori Chmara (russischer Hauptmann), Rudolf Lenz.
Produktion: Praesens-Film AG, Zürich. Produzent: Lazar Wechsler. Produktionsleitung: Oscar Düby. Aufnahmeleitung: Uors von Planta. Drehzeit: August Dezember 1950. Drehort: Filmstudio Bellerive Zürich, Studio Thalerhof Graz. Außenaufnahmen: Wien, Graz, Zürich. Länge: 102 min, 2800 m. Format: 35mm, s/w, 1:1.33.
Uraufführung: 30.3.1951, Zürich (Scala); 5.4.1951, Cannes (IFF); Deutsche Erstaufführung: 7.6.1951, Berlin (Titaniapalast).
Arbeitstitel: »Wien 1950«.
IFF Berlin 1951: Goldener Bär.
Academy Awards 1951: Nominierung für den besten ausländischen Film.
Grosser Preis der Vereinten Nationen der British Film Academy 1951 .
Internationaler Selznick-Preis 1951: Silver Laurel Award für den besten der Völkerverständigung dienenden europäischen Film.
One World Award New York für ausserordentliche Leistungen 1951.
Kopie: Praesens-Film, Zürich
Wenn es für diesen Film überhaupt einen Vergleich gibt, so ist er noch stärker als der Dritte Mann. So stand es in der Filmanzeige zu lesen.
Ein kühnes Wort. Aber es stimmt.
Auch das Programmheft ist optimistisch. Der letzte Satz der Inhaltsangabe heißt: Damit hat die Menschlichkeit wieder einmal den Sieg davongetragen.
Wieder einmal? Du lieber Himmel! Jahr um Jahr, Tag um Tag, verliert die Menschlichkeit eine Schlacht um die andere. Längst hat man feststellen müssen, daß das Ende der deutschen Konzentrationslager nicht das Ende der Barbarei gewesen ist. Die furchtbare Menschenjagd geht lustig weiter.
Die großen, die guten Vier sitzen gar nicht mehr in einem Jeep.
So gesehen, ist der Film, von dem hier die Rede ist, historisch. Wie viele Hoffnungen gab es, wie viele Enttäuschungen! Die professionellen Realpolitiker dürfen sich in die Brust werfen und mit magerem Stolz behaupten, sie hätten es ja gleich gewußt. Und die professionellen Idealisten neigen das Haupt und sagen traurig: Wieder einmal eine Chance verpaßt!
Aber die Schweizer, die in Jahrhunderten eine gesunde Begabung für Menschlichkeit und Neutralität entwickelten, haben sich durch all die ungeheuer bedeutenden und unzweifelhaft vorübergehenden politischen Ereignisse nicht abhalten lassen, einen zwar keineswegs unpolitischen, aber sehr menschlichen, sehr neutralen Film zu drehen.
Denn: Vier in einem Jeep zu zeigen, die vier Besatzungsmächte nämlich in der Vier-Sektoren-Stadt Wien, ist ein gefährliches Unternehmen; ein Unternehmen voll der Reize, voll der Gefahren. Es geht um einen einzigen wie sagt man heute? ganz geringfügigen Vorfall, nämlich darum, ob ein Österreicher, der nach fünfjähriger Gefangenschaft aus einem sowjetischen Lager ausbrach, weil er es nicht mehr aushalten konnte, von den Russen gefangen wird oder nicht. Das ist alles.
Es geht also, nur, um einen Menschen. Und da finden sich plötzlich die vier Leute, die in einem Jeep gemeinsam für ihre vier Nationen in Wien Kontrolle fahren, teils freiwillig, teils unfreiwillig zusammen, um die Idee der Menschlichkeit durchzusetzen. Alles das geschieht mit allem sittlichen Ernst und mit sehr viel Humor. Allein schon diese Mischung ist selten.
Der Regisseur heißt Leopold Lindtberg, ein längst bewährter Mann. Er hat einen bewundernswerten Blick für das Wirkliche, für das Dokumentarische, und überdies dichtet er in Bildern. Das Atmosphärische der Photographie ist bei ihm nicht Kunstgriff, sondern ein selbstverständliches Instrument. Die Tatsache, daß auch hier ein Mann in Wien verfolgt wird, dürfte nicht ausreichen, um von einem Klischee der Handlung zu sprechen. Denn die Handlung, die sich im Dritten Mann mit einem schlimmen Außenseiter beschäftigt, handelt hier von uns.
Wenn dieser Film nichts anderes zu zeigen hätte als die erschütternde Rückkehr von Heimkehrern aus Rußland, dann wäre man schon berechtigt, von Filmgeschichte zu reden. Wer beim Anblick dieser beinahe von Krieg und Gefangenschaft zerstörten Gestalten nicht den Schlag seines Herzens spürt, dem ist überhaupt nicht mehr zu helfen. Und dessen bin ich sicher: in dem unbekümmert jungenhaften Amerikaner, in dem vorsichtig lavierenden, im letzten aber hilfsbereiten Engländer, in dem auf die anscheinend unvermeidliche »Sicherheit« bedachten und trotzdem kameradschaftlichen Franzosen und nicht zuletzt in dem russischen Soldaten, dessen Gewissen so tragisch zwischen Befehl und Empfindung hin und her schwankt, in diesem Spiegelbild müßten sich alle Nationen wiedererkennen, sofern sie nur einen Funken von Selbstgefühl und Selbstkritik besitzen.
- Gerd Schulte: Die Vier im Jeep
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.1952