Im West-Berlin der Nachkriegszeit werden straffällig gewordene Jugendliche in ein Erziehungslager am Rande der Stadt gesteckt. Glücklicherweise ist Leiter des Lagers der sympathische Hein Denecke, der den Jugendlichen mit Wohlwollen und Verständnis begegnet und im Lager die Selbstverwaltung eingeführt hat. Ihm zur Seite steht die kecke Kabarett-Sängerin Bettina, die mit einem leichtfertigen Lied über die »verwahrloste« Jugend Deneckes Zorn erregt, aber dann von ihm ins Lager eingeladen wird und dort eine Theatergruppe gründet, bei der die Jungen begeistert mitmachen. Doch Deneckes fortschrittliche Methoden missfallen der Aufsichtsbehörde, die ihn bei erstbester Gelegenheit absetzt und durch einen ehemaligen SS-Mann ersetzt. Denecke baut daraufhin im sowjetischen Sektor ein neues Lager auf, und seine ehemaligen Jungs hecken einen Plan aus, zu ihm zu fliehen.
In post-war West-Berlin delinquent juveniles are put into a reeducation-camp on the outskirts of the city. Luckily the head of the camp is Hein Denecke, who approaches the teenagers with friendliness and understanding and has introduced self-governing system to the camp. Saucy cabaret-singer Bettina is a close friend of Deneke, but when she sings a frivolous song about the “depraved” youth, she angers him. Once he sees through his anger, he invites her into the camp where she starts a theater group in which the boys enthusiastically take part. The supervisory body, however, disapproves of Denecke’s progressive methods and quickly lays him off and replaces him with a former SS-officer. Dismissed but not dismayed, Denecke establishes a new camp in the Soviet zone, and the boys in his old camp develop a plan as to how they can flee to him.
Regie: Wolfgang Schleif. Regie-Assistenz: Joachim Kunert. Buch: Wolfgang Schleif, Wolfgang Weyrauch, nach dem Tatsachenroman »Verwahrlost« von Sia Scazziga. Dramaturgie: George A. Schaaffs. Kamera: E. W. [= Ernst Wilhelm] Fiedler. Standfotos: Eduard Neufeld. Bauten: Willi Depenau, Kurt Herlth. Kostüme: Hans Kieselbach. Schnitt: Hermann Ludwig. Ton: Adolf Jansen. Musik: Wolfgang Zeller.
Darsteller: Edelweiß Malchin (Bettina), Siegfried Dornbusch (Denecke), Axel Monjé (Lagerleiter Osterheld), Käthe Alving (Erzieherin Frl. Müller), Alexander Engel (Oberschulrat), Franz Weber (Herr Tschunke), Albert Venohr (Hauptmann Jentsch), Hans Emons (Vater von Fritz), Otto Matthies (Bäckermeister), Die Jungen: Lutz Moik (Michael), Ralph Siewert (Karli), Uwe-Jens Pape (Horst Pacholke), Thomas Dunskus (Walter R.), Bruno Poltarschitzki (Fritz), Günther Schulze (Heini), Siegfried Pokatzki (Hansi), Egon Schlarmann (Klaus), Ursula Krieg (Frau von Fritz), Anita Koller (Frau Assmann), Maria Grimm (Mutter von Michael), Walter Weinacht (Großvater von Klaus), Toni Jäckel (Mutter von Klaus), Curt Trepte (Sozialbeamter), Jean Brahn (Polizeiwachtmeister im Auto), Mimi Mittell (Frau mit Tasche), Margot Wolf (Frl. Zimt), Johanna Tilgner (Ärztin), Alfred Walter (Herr Assmann), Walter Bechmann (Vorsitzender im Gericht), Erik von Loewis (Vorsitzender im Gericht), Max Paetz (Postbeamter), Johannes Bergfeldt (Sozialbeamter).
Produktion: DEFA Deutsche Film-AG, Berlin/DDR. Produktionsleitung: Robert Leistenschneider. Aufnahmeleitung: Fritz Brix, Hermann von Rohde. Drehzeit: 30.8. 25.11.1948. Drehort: Atelier Berlin-Johannisthal. Außenaufnahmen: Berlin-Schmöckwitz (am Zeuthener See). Länge: 84 min, 2290 m. Format: 35mm, s/w, 1:1.33.
Uraufführung: 18.3.1949, Berlin/Ost (Babylon).
Arbeitstitel: »Verwahrloste Jugend«, »Die Jungensbande vom Wannsee«.
Nationalpreis III. Klasse 1951 an Kameramann E. W. Fiedler.
Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin
Man soll nicht denken, daß das Problem der Verwahrlosten, der Jungen und Mädel, die der Faschismus, sechs Jahre Krieg und Jahre von Nachkriegsnöten in die Finger nahmen und moralisch anbrachen, im Handumdrehen zu lösen wäre. Es gibt Heime und Lager, aber damit ist noch nichts getan. Hier beginnen die Schwierigkeiten.
Wolfgang Schleif, der zusammen mit Wolfgang Weyrauch das Drehbuch nach einem Tatsachenroman von Sia Scazziga schrieb, hat sich mitten in sie hineingestellt und hat sich nichts erspart. Denn diese Jungen, das sind keine verlorenen Söhne, die darauf warten, gerettet zu werden. Und gerade weil sie so abgebrüht sind, merken sie, was besser ist für sie: die Selbstverwaltung und die eigene Verantwortung und nicht der Stacheldraht und der Drill. Und wenn sie so weit sind, dann ist für sie viel gewonnen.
Um das ohne alberne Simplifizierung klarzumachen, hat Schleif in seine nüchterne Reportage Elemente des gewöhnlichen Spielfilmes gebracht. Irgendwie wollte er ja aus der Milieuschilderung herauskommen. Dabei ist manches etwas blumig geraten, gerade durch den Gegensatz spürbar. (Meistens die Stellen, wo die junge Schauspielerin mit dem Erzieher Denecke zusammentrifft). Sonst ist die Koppelung dieser beiden Elemente gut gelungen. Daß trotz der bewahrten Nüchternheit sicher und spürbar die Wahrheit da war, daß diese Jungen einmal nicht mehr »verwahrlost« sein werden, daß die Möglichkeiten dafür schon in ihnen drinstecken, wo sie sich noch gar nicht bewußt sind, was geschehen muß und wie, das zeigt, wie intensiv der Stoff durchgearbeitet wurde. Denn diese Wahrheit steckt nicht in der unnötigen Schlußapotheose, sie steckt in vielen Einzelheiten.
- Mü.: Und wenn’s nur einer wär’
Vorwärts, 19.3.1949
Das hätte leicht wieder einer jener »Aufklärungsfilme« werden können, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen. Verwahrloste Jugend von heute, straffällig geworden, im Erziehungslager. Es gibt da zwanzig, dreißig sozusagen offizielle Einblendungen, die man wiederzufinden fürchtete nebst der salbungsvollen, mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragenen Schlußmoral. Etwa: wird schon wieder werden, sind ja alle gute Jungs, nicht wahr? Und entstanden ist, zu unserem frohen Erstaunen, einer der besten deutschen Zeitfilme. Entstanden ist beinahe so etwas, wie ein neues Filmgenre. Eine Art Erziehungsspielfilm, der in jedem Meter verrät, daß hier eine Regie am Werk war, die diesen Namen verdient. Eine Regie, die nach einem neuen Stil für einen brennend aktuellen Inhalt suchte. Die ausgefahrene Gleise bis auf wenige Ausnahmen mied.
Wolfgang Schleif besitzt eine Gabe, über die nur wenige Große seines Fachs verfügen: er kann Gesichter sprechen lassen! Es gibt stumme Augenblicke in diesem Film, wirklich stumme, sogar die Musik schweigt, und die Kamera leuchtet ein Jungensgesicht ab. Da hat einer von einer älteren vergrämten Lehrerin eine Ohrfeige bekommen. Der Junge steht vor ihr, bewegungslos und schaut ihr ins Gesicht. Langsam kneifen sich seine Augen zu einem Schlitz zusammen, hinter dem es schwarz und gefährlich dräut ... Oder: Ein Steppke hat in einem U-Bahnhof eine Greisin zu Fall gebracht und ihr ein Brot aus der Tasche geraubt. Er rennt davon und sieht die Treppe, die ihn nach oben bringen soll, plötzlich durch ein Gitter versperrt. Flucht hat keinen Sinn mehr. Langsam dreht er sich um und erstarrt ...
Das sind Einstellungen, kühne Entdeckungszüge der Kamera in der Landschaft der Gesichter, wie man sie bisher aus einigen französischen Spitzenfilmen kannte. Hier bedeutet das noch etwas anderes, denn hier sind diese Entdeckertaten der Filmpsychologie nicht mehr Selbstzweck, sondern eingeschmolzen in eine übergeordnete Aufgabe. Dieser Film zeigt einen Weg, und er proklamiert eine Hoffnung. Ein neues Erziehungsprinzip wird vorgeführt. Die Jungen des Lagers, Verwahrloste, Straffällige, Gestrauchelte, Gestrandete sind hier nicht einem sterilen Prinzip von Schuld und Sühne unterworfen, sondern die Gesellschaft kämpft mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kräfte, sie wieder für die Gesellschaft zu gewinnen. (...)
Das ist erregend und packend, und der laute, spontane Beifall dazwischen und am Schluß zeigte, daß sich niemand der mitreißenden Gewalt dieses prachtvollen Streifens entziehen konnte.
- W. Lg.: Ein neuer deutscher Filmstil
Berliner Zeitung, 20.3.1949