Geschichtsstunde in den Trümmern Berlins, 1948: Studenten der Humboldt-Universität nehmen an den Dreharbeiten zu einem Film über die Revolution von 1848 teil. Aber die engagierte Geschichtsstudentin Else Weber moniert den reaktionären Umgang des Filmteams mit den revolutionären Ereignissen. Der Medizinstudent Heinz Althaus widerspricht ihr instinktiv, und in der Folge bilden sich unter den Studenten zwei Lager mit unterschiedlichen Auffassungen. Aber fasziniert sowohl von der Kommilitonin als auch von den Ereignissen vor 100 Jahren, setzt sich Heinz intensiv mit der deutschen Geschichte auseinander. Else gründet eine Arbeitsgemeinschaft und organisiert mit Unterstützung der Filmleute eine Ausstellung über 1848. Am Ende gelangen alle zu einer fortschrittlichen Sicht, und Heinz und Else finden sich auf der Wartburg.
A history lesson in the debris of Berlin, 1948: Students of Humboldt University are taking part in the shooting of a film about the revolution of 1848. Dedicated history student Else Weber criticizes the film teams’ reactionary treatment of the revolutionary events. Medical student Heinz Althaus intuitively disagrees with her, and soon the students are divided into two competing factions. Motivated by a newfound fascination both with Else and with the events of 100 years ago, Heinz begins intensively studying German history. Else starts a study group and with the help of the film crew organizes an exhibition about 1848. In the end both the students and film-makers gain a more progressive view and Heinz and Else meet at the Wartburg.
Regie, Buch: Gustav von Wangenheim. Regie-Assistenz: Roly Bock. Dramaturgie: Wolff von Gordon. Kamera: Bruno Mondi. Standfotos: Heinz Czerwonski. Bauten: Willy Schiller. Bau-Ausführung: Willi Eplinius, Arthur Schwarz. Kostüme: Walter Schulze-Mittendorff. Maske: Martin Gericke, Hans Wosnick. Schnitt: Lena Neumann. Ton: Fritz Schwarz. Musik: Ernst Roters. Gesang: Inge von Wangenheim, Helga Wille, Die Nicolets.
Darsteller: Inge von Wangenheim (Else Weber), Ernst Wilhelm Borchert (Heinz Althaus), Josef Sieber (Architekt Ring), Viktoria von Ballasko (Betty), Ann Höling (Lissy Zehnter), Willi Rose (Gustav Knetsch Nante), Harry Hindemith (Schneegandt), Robert Trösch (Schnitters), Fritz Wagner (Burghandt), Arnold Marquis (Hinzdorf), Eduard von Winterstein (Vater Althaus), Paul Bildt (Direktor Schöffer), Herwart Grosse (Regisseur Hoffmann), Ernst Legal (Prof Kortlein), Lotte Loebinger (Frau Jandrek), Arthur Schröder (Prof. Helbig), Horst Drinda (Miller), Günter Kieslich (Tietz), Walter Tarrach (König Wilhelm IV.), Walter Strasen (Aufnahmeleiter Fleissner), Eva Barlog (Fräulein Ludwig), Angelika Hurwicz (Stock), Elfie Dugal (Maria Schrenck), Knut Hartwig (Vater Schlöffel), Erich Gühne (Ludwig Uhland), Werner Segtrop (Bismarck), Joachim Teege (Reisender), Erik von Loewis (Adjutant des Königs), Charles Knetschke [= Charles Brauer] (Sohn von Betty), Helga Wille, Erich Dunskus.
Produktion: DEFA Deutsche Film-AG, Berlin/DDR. Produktionsleitung: Kurt Hahne. Produktions-Assistenz: Karl Gillmore. Aufnahmeleitung: Waldemar Albert, Herbert Bullerjahn. Drehzeit: 25.2. 29.7.1948 (87 Drehtage). Drehort: Atelier Berlin-Johannisthal. Außenaufnahmen; Freigelände Berlin-Johannisthal, Freigelände Potsdam-Babelsberg, Thüringen (Wartburg). Außenaufnahmen: Berlin-Mitte (Humboldt-Universität, Ruine des Berliner Schlosses und Schlüterhof, Unter den Linden, Breite Straße), Berlin-Friedrichshain (Friedhof der Märzgefallenen, Prinz Friedrich Karl Straße), Potsdam (Neues Palais, Stadttor Babelsberg). Länge: 101 min, 2769 m. Format: 35mm, s/w, 1:1.33.
Uraufführung: 5.11.1948, Berlin/Ost (Babylon).
Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin
Während das sowjetische Volk aus der Oktoberrevolution immer wieder Impulse für den endgültigen Sieg des Sozialismus schöpfen konnte, bleibt uns Deutschen nichts anderes übrig, als aus der Tragödie der deutschen Geschichte die Lehren zu ziehen, die uns davor bewahren, aufs neue ins Unglück zu tappen.
Von dieser Idee ging Gustav von Wangenheim (Drehbuch und Regie) aus, als er mit seinem Film ...und wieder 48! eine neue Filmgattung schuf, den Lehrfilm zum historischen Denken.
Wie notwendig es ist, gerade heute einen historisch so klaren Film gedreht zu haben, und wie nahe daran das deutsche Volk wieder ist, falsche Wege einzuschlagen, zeigt die Entwicklung der letzten Zeit. (...) Wangenheim unternimmt den Versuch, Klarheit über die Revolution von 48 zu schaffen und gleichzeitig unsere Situation aufzuhellen. Ein Experiment, wie Wangenheim von jeher Experimente gereizt haben, doch eins, das mit minimalen Einschränkungen als geglückt bezeichnet werden muß.
Es wäre falsch an diesen Film mit den Maßstäben des Spielfilms heranzugehen; es wäre ebenso falsch, den Dialog ,der stellenweise von einer geschliffenen Dialektik ist und doch für jedermann verständlich bleibt, mit dem Dialog einer dramatischen Fabel vergleichen zu wollen. Dieser Film will in erster Linie aufklären und lehren, er will aufräumen mit der Geschichtsfälschung des bürgerlichen Jahrhunderts und verzichtet darauf, durch eine interessant aufgeputzte Spielhandlung die Idee des Stückes publikumsgerecht zu machen oder zu verwässern. Betrachtet man von dieser Warte aus den Film, muß man Wangenheim zugestehen, daß er trotz aller nur klärenden Absichten doch eine Spielfabel gefunden hat, die spannend und frei von Trockenheit und Humorlosigkeit ist. (...)
Wangenheim, der jede Schwarzweißmanier vermeidet, alle Register einer guten Inszenierung zieht, den Hörsaal, die Universität, das Kabarett, historische Stätten, die Straßen, das Hinterzimmer und obskure Treppenhäuser zum lebendigen Hintergrund des Geschehens macht, gibt in dem Handlungsablauf einen aktuellen und von den Schicksalen heutiger Menschen illustrierten Geschichtsunterricht. Diesem Film muß es gelingen, einer mit falschem Heldenethos durch Hitlerjugend und Krieg gegangenen Generation die Binde von den Augen zu reißen. In seiner kompositionell so geschickt aufeinander abgestimmten Handlung das Nebeneinander von parallelen Zuständen: Schlagbaummisere, Kontrollen, Vielstaaterei und Zonenwirtschaft, ist bestrickend gelöst wirkt der Film im besten Sinne aufklärend. Eine weitere Stärke liegt darin, daß er jedes Milieu beleuchtet und so jeden zum Nachdenken zwingt. Wo ist es, wie in diesem Film, gelungen, in Else Weber und Heinz Althaus Gestalten zu zeigen, die es verdienen, unsere Jugend zu begeistern und sie als Vorbild anzuregen? Sehen wir ab von der vielleicht einzig angreifbaren Stelle des Films, ausgerechnet den konservativsten Studenten den Fahneneid auf der Wartburg schwören zu lassen, so bleibt die Gewißheit, daß Wangenheim einen Film von großer kulturpolitischer Bedeutung geschaffen hat.
- Melis: Erziehung zum historischem Denken
Neues Deutschland, 19.11.1949
Verglichen mit Else Weber muß uns Kumpel Hennecke, der Aktivist, wie ein stumpfes Faultier erscheinen. Denn was Else Weber alles erfüllt, hat die meßbare Fülle eine »Solls« längst so weit hinter sich gelassen, wie ein Schmetterling seine trockene Raupenhaut. Wenn es tagt, blickt Else Weber, die Studentin, unwillig von ihren Büchern auf, zieht die Vorhänge beiseite, tröstet ihre weinende wie sterbende Schwester, nährt deren Sohn und schickt ihn auf den Schulweg, dann eilt sie zu einer Diskussion in den Studentenrat, veranstaltet eine Ausstellung, kritisiert auf den Fluren der Universität den vorigen Semesterball, weil der nicht »studentisch« genug war, plant, dichtet, singt und tanzt auf dem nächsten Semesterball von ihr selbst gepfefferte Chansons klarer politischer Schwungkraft, erledigt im Rampenlicht eine Conference, obwohl sie gerade erfuhr, daß ihre Schwester im Sterben liegt, dazu arbeitet Else Weber als Assistentin bei einem sehr fortschrittlichem Geschichtsprofessor. Weiter: Else Weber wirkt als Statistin bei einem Film über die Revolution von 1848 mit, den sie völlig beiläufig gegen den Willen des Regisseurs ganz nach ihren eigenen klaren Ideen über dieses Ereignis ummodelt, sie diskutiert mit den Studenten, sie wird von Zeitungen verleumdet (wer bringt es schon so weit?), sie fertigt die politischen Gegner ab, tadelt aber auch die radikalsten ihrer eigenen Richtung. Zudem schätzt Else Weber den Medizinstudenten Heinz Althaus, von dem sie zwar zunächst »Sie sind nicht auf dem rechten Wege, Heinz Althaus!«, später aber da sie ihn in unauffälliger pädagogischer Geschicklichkeit auf den rechten politischen Weg bringt »Gut so, Heinz Althaus!«, dann sogar »Nur weiter so, Heinz Althaus!« denkt und in entsprechender Weise mit ihm redet. Else Weber hat im Kriege Mann und Kind verloren, und wem es, nach alledem, verwunderlich ist, wie einer Else Weber das passieren konnte, der muß lernen, daß dieser bittere Vorfall zur Reife Else Webers beitrug und daß Else Weber, wenn sie sich nächstens aktiv mit Heinz Althaus verheiraten wird, es wohl in keinem Fall unter Fünflingen machen dürfte.
Das Geschöpf Else Weber entstammt der Idee, dem Drehbuch und der Regie Gustavs von Wangenheim zu dem Film ...und wieder 48! und wird von Inge von Wangenheim gespielt. Mit allen schrecklichen Tönen und Gesten resoluter Endgültigkeit, mit allem schaudervollen Elan des »Nonplusultraweibes«, das etwa den Swing verachtet, ihn aber doch besser kann als die anderen, mit dem grausig frischen Holla-Holla-Schwung der Maidenführerin und der vorgeblichen, sachlichen Gefühlskargheit, hinter der sich das »Echte« so tapfer verbirgt: eine magenschmerzende Vorstellung von Forsche, Jungmädchenbuch Herzaufdemrechtenfleck, tapferer kleiner Soldatenbraut, Anna Pauker, Trümmerfrau, Käthe Haack und Marika Rökk in einem. Ernst Wilhelm Borchert als Heinz Althaus war weniger strapaziert: er brauchte meist nur ernste Großaufnahmengesichter zu machen und nachdenklich Worte Else Webers zu repetieren.
- W. B.: Else Weber, Else Weber
Der Kurier, 6.11.1948