
Kurz nach Kriegsende schlachten zwei Männer ein altes Auto aus. Dinge, die sie dabei finden, erzählen sieben Geschichten aus dem »Leben« des Wagens: Da ist eine Zahl in die Windschutzscheibe geritzt, das Datum, an dem Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde und die erste Besitzerin des Wagens sich für den Mann entschied, der vor den Nazis fliehen musste; ein Kamm erinnert an einen verfemten Komponisten, der eine Affäre mit einer verheirateten Frau hatte; eine Hutklammer an ein Ehepaar, das sich zu Beginn der Judenprogrome gemeinsam das Leben nahm; eine Frau erfährt, dass ihr Mann ihre Schwester geliebt hatte und als Dissident auf der Flucht erschossen wurde; Schusslöcher erinnern an eine tödliche Nachtfahrt zweier deutscher Soldaten durch russisches Partisanengebiet; ein Schutzmann erkennt eine alte Frau, deren Sohn zu den Hitler-Attentätern gehörte, und gegen Ende des Krieges begegnen sich in einem Stall ein Kradmelder und eine junge Flüchtlingsfrau.
Shortly after the war, two men strip an old car. As they work, they find a variety of things which tell seven different stories, each a part of the car’s “life story”: A number, scratched on the windshield, is the date when Hitler became Chancellor of the Reich and the woman, who is the first owner of the car, fell for a man, who had to flee from the Nazis; a comb from an ostracized composer, who was having an affair with a married woman; a hat pin tells of a couple who killed themselves at the beginning of the Jewish pogroms; a woman who found out that her husband was in love with her sister and was killed as a dissident on the run; bullet holes recall two soldiers and a deathly night drive through the Russian partisan territory; a policeman recognized an old woman, whose son was part of the plot against Hitler; and at the end of the war a dispatch rider and young female fugitive meet in a stable.
Zum Inhalt hat Käutners Streifen die Geschichte eines Autos, besser: Episoden aus dem Leben jener Menschen, die es besaßen. Das »Ding«, so lang mit Füßen getreten und ohne Verwandtschaftsbeziehung zum Menschen, besinnt sich auf seine Seele; die zur passiven Dulderin degradierte Materie das abgewrackte Auto erzählt. Wie das geschieht, ist nicht neu, und der Anlaß: ein halb dutzend im Innern der Autoruine gefundener Alltagsutensilien, nicht gerade geschmackvoll und glücklich gewählt. Aber was wiegen derartige Äußerlichkeiten gegenüber der einzigen »Tendenz« dieses Films, nämlich: der stillen, der selbstverständlichen Menschlichkeit? Nichts. Gewiß, es sind alles andere als pathetische Märtyrer ihrer Zeit: dieser Kaufmann, diese Soldaten, dieser Komponist, diese Rüstungsarbeiterin, diese Flüchtlingsfrau; und was hier abläuft sind Privatschicksale und keine Heldenleben. Aber gerade diese unverletzt gebliebene Sphäre des Persönlichen, gerade dieses Herausheben des gewöhnlichen Alltagsmenschen aus der grauen Anonymität fast blind erduldeter Kollektiverlebnisse das und die hieraus resultierende Akzentuierung des Tragischen, welche endlich einmal auch das geflickte Wams des Mannes von der Straße transparent werden läßt, das ist die eigentliche Stärke dieses Films. [...]
Man könnte nun diesem Drehbuchaufriß seinen offensichtlichen Mangel an innerer Geschlossenheit vorwerfen: Die Nähte zwischen den einzelnen Fabeln sind zu grob und der äußere Rahmen ist zu gewaltsam um das Ganze gepreßt. Dennoch halte ich die hier gewählte Kurzform der blitzlichthaft aufblendenden Episode hier von den oft geradezu lapidaren Dialogen Schnabels äußerst wirkungsvoll unterstützt unserer augenblicklichen geistigen Situation entsprechend für die ehrlichste, ja für die uns heute einzig gemäße Art einer Aussage über die letzten Jahre. Denn um ein Epos zu schaffen, müssen sich unsere Augen erst einmal vom Sog selbst miterlebter Details lösen können. Dazu aber sind Jahre nötig. Jeder heute unternommene Versuch, unserer jüngsten Vergangenheit zu Leibe zu rücken, wird jedoch, an der Fülle des zu Bewältigenden gemessen, noch auf weite Sicht fragmentarisch sein müssen. Warum also nicht auch hier aus der Not eine Tugend machen? Da wir gerade bei dieser seltenen Kunst sind, sei hier gleich einer ihrer vollendetsten Beherrscher genannt: Igor Oberberg, Käutners kongenialer Kameramann. [...] Wie er die Kamera aus ihrer (für den deutschen Film so bezeichnenden) Starre befreit; wie er, zum Beispiel im Verlauf eines Gesprächs, die Landschaft ruhelos nach unterstreichenden Symbolen abtastet; wie ihm ein einziger Gegenstand: etwa ein brennender Kinderwagen, genügt, uns noch einmal den ganzen Irrsinn einer der Bombennächte vor Augen zu führen; wie er endlich aus den Gesichtern (besonders aus Speelmanns schon legendärem Landserantlitz) das Letzte herauszuholen versteht, wie er Stirnen, wie er Schläfen abdeckt, Wangen und Münder belichtet; wie er durch gefrorene Wagenfenster und Bäume und Wolken, durch spiegelnde Windschutzscheiben immer neue »Gesichtslandschaften« entdeckt, das sollte getrost Schule machen.
- Wolfdietrich Schnurre: Erfindungsgabe und Improvisationstalent
Der neue Film, Nr. 4, 7.7.1947
Hier lief kaum eine Woche lang der Film von Käutner und Schnabel. Zuerst ging niemand hin. Die Leute wollen keine Geschichten von damals hören. Die Jugend schon gar nicht; die kann man mit allem, was nur von ferne an Politik erinnert, jagen. Und was sollte denn ein deutscher Nachkriegsfilm, der »jene Tage« zum Thema nahm, anderes bedeuten als Politik? Also ein Gerede, ein Erklären, was man gar nicht erklärt haben möchte, jeder weiß doch Bescheid, und bewiesen wird alles, so herum und so herum. In jenen Tagen? Das ist todsicher Propaganda, brauchen wir nicht, sehen wir uns nicht an.
Die zweite Vorstellung war ausverkauft. Der Kinobesitzer unglücklich, nur eine Woche abgeschlossen zu haben. Das Publikum diskutierte nicht. Es ging still weg. Manche hatten verweinte Augen, alle waren ernst. Über der Menge schwebte das tiefe Einverständnis, das einfach nur die Wahrheit hervorzurufen vermag. »Ja, so war das«, bestätigten sich die Älteren, und die Jungen lernten, wie wenig man nur vom Hörensagen erfährt, sie waren betroffen. Von dem Film ging genau die Wirkung aus, die man mit der Wendung »Das erlösende Wort« meint. Einsicht bringt Trost. [...]
Der Film erinnert daran, wie die Leute in der Schreckensherrschaft allzu gelassen waren. Wie bitter es war, allein zu bleiben, gerade damals. Es war zuviel mit sich selbst auszumachen, bei sich auszutragen. Es tritt hier keiner der Gewalthaber auf, niemand von dieser Partei erscheint. Nur die zu leiden hatten, die Anonymen, die noch im Untergehen »nein« zu sagen vermochten. Die das unzweifelhaft Richtige getan haben. Die gute Regung. Deshalb kann einer, der auf der Machtseite gestanden hat, nur als Entwaffneter diesen Film verlassen. Was hier gezeigt wird, sehr still, mit der Selbstverständlichkeit des guten Herzens, darauf gibt es kein Gegenargument. Es ist, als riefe die helle Stimme des Knaben David, der den Unmenschen Goliath erschlug, den Bangenden Mut zu.
- Das erlösende Wort
Die Gegenwart, Nr. 17, März 1948