
Der Grundstücksmakler Leo Lanski ist ein skrupelloser Heiratsschwindler, der gleichzeitig mit zwölf Damen verlobt ist, denen er allen das Geld aus der Tasche zieht. Die berliner Kriminalpolizei ist Lanski auf der Spur, kann ihm aber nichts nachweisen, da keines seiner Opfer bereit ist, gegen ihn auszusagen. Doch dann macht Lanski einen Fehler: Als eine seiner Eroberungen, die reiche Adele von Droste, ihn als Universalerben einsetzt, ermordet er sie und versucht gleichzeitig, sich ein sicheres Alibi zu konstruieren. Doch Lanski hat die Hartnäckigkeit der Kriminalpolizei unterschätzt. Während er verzweifelt versucht, die Spuren seiner Tat zu verwischen, schließt sich die Schlinge um ihn immer enger, bis ihm Kriminalrat Rohrbach schließlich eine raffinierte Falle stellt.
Real estate broker Leo Lanski is an unscrupulous marriage impostor. He is engaged with 12 women at the same time and lives off of the money he takes from them.
Dieser Kriminalfilm von Hans Schweikart, der Regie führt, beweist wieder einmal, daß ein guter Regisseur und ein überzeugender Darsteller aus einem Stoff, der alle Elemente der Kolportage enthält, ein filmisches Kunstwerk zu machen wissen. Zugleich ist der in den Kriegsjahren gedrehte Streifen ein Beweis für das, was man die »Résistance der Kunst« nennen könnte. Es war der Protest gegen ein vergröberndes Klischee, eine bewußte Abkehr vom »gesunden Volksempfinden«. Als man ihn jetzt zum erstenmal sah (Merkur-Lichtspiele, München), hatte er den Reiz eines sittengeschichtlichen Dokuments. Ein Charakterdarsteller von hohen Graden hat darin seine letzte Rolle gespielt: Ferdinand Marian. Als Gentlemanverbrecher gelingt ihm jene Mischung von Brutalität und pseudochevaleresker »Unwiderstehlichkeit«, mit der im Dritten Reiche nicht nur die zivilen Kriminellen weibliche Dummheit und erotisierten Männerkult zu nutzen verstanden.
Die folgerichtig aufgebaute Handlung beschreibt alle Phasen der raffiniert angelegten Mordanschläge und Betrugsmanöver eines Heiratsschwindlers, aber auch wie der Täter sich in seinen eigenen Netzen verfängt. Der Anschauungsunterricht über die geschickte Kleinarbeit der Kriminalpolizei fügt sich unauffällig in das Geschehen, das wie ein Uhrwerk abläuft. Das Berlinische Lokalkolorit ist im Milieu und in den ausgefeilten Nebenrollen, in denen vor allem Oskar Sima hervorragt, gut getroffen. Rudolf Fernau muß zu seiner sichtlichen Erleichterung einmal nicht den Verbrecher, sondern darf den intelligenten und fast zu vornehmen Kriminalrat spielen. Die leichtgläubige und zum Teil auch leichtlebige Damenwelt hat es schwer, sich gegenüber so viel Männlichkeit zu behaupten.
Der Erfolg dieses handwerklich sauberen, bestechend photographierten Films läßt über die Frage nachdenken, warum der deutsche Nachkriegsfilm bisher nur mit wenigen Ausnahmen ein solches Niveau erreicht hat.
Arnold Bauer: Die Nacht der Zwölf Verspätete Film-Erstaufführung
Die Neue Zeitung (München), 25.1.1949
Die Nacht der Zwölf ist radikal »auf den überragenden Schauspieler gestellt«. Marian spielt hier einen Heiratsschwindler, der kalt und berechnend die Schwächen der Frauen ausnützt und sogar zum Mörder wird. Von Anfang an zeigt die Kamera fast ausschließlich den Heiratsschwindler und macht uns mit ihm bekannt und vertraut, bis zur Intimität, schier bis zur Beichte. Kein Mienenspiel, keine Reaktion läßt die Kamera aus, sie spürt dem psychologischen Auf und Ab, den mimischen Weilen dieses ausdrucksvollen Gesichtes nach. Ein Typ, eine Type wird gestaltet, wird zur Gestalt. Und wie lebendig ist dieses spähende, lauernde, sich charmant verstellende und wieder hemmungslos sich entblößende Gesicht! Die Kamera ermüdet uns nicht, obwohl sie sich auf dieses Gesicht konzentriert, das ein Boxring, ein Fußballfeld ist, auf dem Gier und Berechnung abwechseln und sich durchkreuzen. Dieses Gesicht ist die Handlung, ist der Film selbst!
Ferdinand Marian, der eine Zeitlang die Marotte hatte, als Bonvivant, als Liebhaber und Causeur, als Salonlöwe zu brillieren, hat hier diesen merkwürdigen Charme-Ehrgeiz fallen gelassen, der hinreißende Jago der Erich-Engel-Inszenierung von »Othello« im Deutschen Theater zeigt hier endlich wieder zum letzten Male seine dämonischen Züge. Ein dummer tragischer Unfall hat seiner Laufbahn ein allzu frühes Ziel gesetzt. [...]
Wir rechnen es dem Regisseur Hans Schweikart als Verdienst an, daß er sich von dem mimischen Spiel Ferdinand Marians faszinieren ließ, daß er ihm freien Willen gelassen hat, daß seine Kamera und sein Mikro in erster Linie nur Auge und Ohr für Marian waren. Sollen wir ihm ankreiden, daß mitunter mehr das Dankbar-Schauspielerische als die spielerisch improvisierte Gestalt des Heiratsschwindlers wie ein Eierschalenrest sichtbar wurde, daß manche glänzenden psychologischen Lichter als artistische Effekte aufblendeten? Es kommt auf die durchgehende Linie, auf die Richtung an, die diese Nerven und Triebe enthüllende Darstellung eines jagenden und gejagten Menschen aufwies! Schweikarts Regie gab diesem gehetzten, flackernden Mienenspiel bewußt einen nüchternen Wochenschau-Rahmen ohne Bar-Gestühl. [...]
Es war erregend, zu beobachten, wie das Publikum mit Marians Darstellungskunst mitging, wie es naiv reagierte, wie es sich wehrte und doch kapitulierte. Ein toter Schauspieler wurde leibhaft, wurde lebendig, sein Schatten wurde plastisch und mehr: er wies dem neuen deutschen Film einen Weg.
W. K.: Die Nacht der Zwölf
Roland von Berlin, 23.10.1949