
Peter Lissen ist ein nicht sehr erfolgreicher Versicherungsagent, der sich unter der sengenden Sonne von Triest die Sohlen abläuft, um hin und wieder eine Prämie für den Abschluss einer Lebensversicherung zu bekommen. Als er sich in eine Frau verliebt, die reicher ist als er und gesellschaftlich höher steht, verfällt er auf einen Trick, um an Geld zu kommen: Er schließt Versicherungen für nicht existente Personen ab, lässt sie sterben und kassiert die Versicherungssumme. Ein heruntergekommener Schiffsarzt stellt die Totenscheine aus, andere Komplizen treten als Begünstigte auf. Doch plötzlich scheint es so, als sei eine der von ihm erfundenen Personen zum Leben erwacht, und zwar ausgerechnet als Rivale um die Frau, die er liebt. Immer stärker bedrängt von seinen Wahnvorstellungen »ermordet« Lissen schließlich das Phantom, das er selbst geschaffen hat.
Peter Lissen is a not very successful insurance agent. In the parching sun of Triest he walks the soles off his shoes to sell life insurance and get a commission. After falling in love with a wealthy woman, who is of a higher social class then himself, he comes up with a trick to make more money: he sells insurance policies to nonexistent people, lets them die and collects the premium. A sleazy ship’s doctor writes out the death certificates, other accomplices act as the beneficiaries. Just when the plan seems perfect, one of his invented persons has not only somehow come to life but is also trying to allure the same woman’s love. Increasingly beset with hallucinations Lissen eventually “murders” the phantom he has created.
Wo kommt so ein Film her? Man denkt, das Übliche, ein Kriminalfilm oder Ähnliches. Und dann erlebt man, was der Erinnerung an Dr. Caligari nahkommt, etwas quälend Surrealistisches, wäre nicht auch dieses Wort schon abgegriffen.
Dabei ist es eine simple Geschichte. Hinter der sensationellen Überschrift verbirgt sich das Betrugsmanöver eines ins Leben vernarrten Versicherungsagenten, der Figuren erfindet und dann sterben läßt, um ihre Policen einzuziehen. Georg-Kaiser-Schicksal eines zu Gerissenen.
Der österreichische Afa-Film aus Graz hat sich großartige Leute beigeholt. Werner Krauß, in einer kleinen, abgerissenen, komödiantisch überspannten Rolle, wie er sie im Film seit je spielt; Judith Holzmeister, eine undurchsichtige Schönheit, und Siegfried Breuer vor allem, der, gerade weil er so prall, so männerhaft in seinem durchtrunkenen und durchspielten Leben steht, doppelt unwahrscheinlich, aus anderen Kulissen kommend, wirkt. Zum Schluß Curd Jürgens, der Regisseur, der ein Phantom andeutet.
Vor allem aber ist dieser der Regisseur. Mit einem Film, der nur aus Filmes Mitteln lebt. Die Welt transparent, die Menschen gehen unbeteiligt durcheinander durch, die überhelle Hafenstadt sticht wie ein bloßgelegtes Gerippe, eine Barsängerin singt, (keine Songs, keine Kehlstimme), und wiegt sich dabei in Fuselträumen, und die Menschen sind leer, arm, auf der Flucht vor sich selbst. Willi Schmidt-Gentners Musik girrt geisterhaft in die Szenen, die Whisky-Flaschen leuchten, am Tag und in der Nacht, der Drehsessel an der Bar ist Mittelpunkt der Welt.
Erschreckender Film von heute. Man wacht aus einem Albtraum auf, wenn er vorüber ist.
Therese Fromm: Prämien auf den Tod
Nachtausgabe, 12.1.1950
Auf dem guten Weg, dem Film zu geben, was des Filmes ist, und in die Bereiche der vierten Dimension vorzustoßen, zeigt der erste Film des österreichischen Regisseurs Curd Jürgens Prämien auf den Tod gute Ansätze. Er hat die großen französischen und englischen Vorbilder auf dem Gebiet der gefilmten Tiefenpsychologie genau studiert und in der armseligen möblierten Bude des heruntergekommenen Versicherungsagenten mit dem am Fenster vorbeifahrenden Aufzug die Atmosphäre des unvergeßlichen Films Spiel der Erinnerung (Carnet de Bal) von Duvivier in einer Szene sogar fast genau kopiert. Aber er hat zu wenig Eigenes dazugetan. So überzeugend die ersten Bilder einer heißen, südländischen Hafenstadt (Triest) sind, die das merkwürdige Geschehen einleiten, so wenig plausibel ist schon vom Drehbuch her der simple Schluß, an dem sich eine imaginäre, nur ihrem Erfinder (und den Zuschauern) sichtbare Figur ganz unvermittelt als existent erweist. Die Musik von Willi Schmidt-Gentner, die das Übersinnliche, Zwielichtige der Handlung mit den üblichen monotonen »Sphärenklängen« untermalt, überrascht an einigen Stellen durch die erregende Wiedergabe der nächtlichen Geräusche in einem südlichen Hafen.
Besondere Anziehungskraft hatte der Film in Hamburg und in anderen westdeutschen Städten durch das erste Wiedererscheinen von Werner Krauß, der als verkrachter Schiffsarzt schon beim ersten flüchtigen Auftritt so intensiv da ist, daß er den Rahmen seiner Nebenrolle fast sprengt. Doch gerät ihm in seinem eigenwilligen Hang zur Überpointierung diese Figur zu stark ins Theatralische auf Kosten der künstlerischen Aussage und echten Erschütterung. Siegfried Breuer im doppelten Spiel eines großen Lebemannes und eines kleinen Agenten, unsympathisch wie immer, aber weniger konventionell als sonst, beherrscht mit Routine und Verve eine umfassende Skala nuancenreicher Zwischentöne von menschlicher Leidenschaft, Hemmungslosigkeit, Bewußtseinsstörung zur Verzweiflung und Angst. Das letzte Bild, in dem sich die Gefängnisgittertüren hinter einem Gestrauchelten schließen, dem die schöne Geliebte wehmutsvoll nachschaut, ist allerdings nur noch großer Kientopp.
E. M.: Kinderschuhe
Die Zeit, Nr. 28, 13.7.1950