
Nach einem authentischen Fall: In einem ungarischen Dorf verschwindet im Jahr 1882 die Magd Esther spurlos von einem Gutshof. Das böswillige Gerücht geht um, die ortsansässigen Juden hätten das Mädchen bei einem Ritualmord umgebracht. Bald sind alle Dorfbewohner gegen die Juden aufgehetzt. Der Politiker Baron Onody und der Untersuchungsrichter Bary heizen die antisemitische Stimmung an, um ihre Karrieren zu befördern. Bei einem brutalen Verhör wird dem Sohn des Tempeldieners Scharf das falsche Geständnis abgepresst, er habe die Ermordung des Mädchens durch seinen Vater beobachtet. Daraufhin brennt ein Mob die Synagoge nieder, die jüdischen Dorfbewohner werden zusammengetrieben, verhaftet und vor Gericht gestellt. Einzig der Rechtsanwalt Dr. Eötvös setzt sich für sie ein. Als die Leiche des Mädchens gefunden wird, kann er beweisen, dass Esther Selbstmord begangen hat und die Anschuldigungen gegen die Juden nur auf Lügen und Hass basieren.
This film is based on a true story: In a Hungarian village in 1882, a maid, Esther, vanishes without a trace from a manor. A malignant rumour is spread that local Jews have killed the girl in a ritual murder, inciting anti-Jewish sentiment in almost every corner of the village. Politician Baron Onody and coroner Bary heat up the anti-Semitic atmosphere to boost their careers. In a brutal interrogation they force the son of the shamash to claim having seen his father murdering the girl. Consequently, a mob forms, burns down the synagogue and the Jewish villagers are herded together and put on trial. Only lawyer Dr. Eötvös speaks for their side. Then the body of the girl is found and Eötvös can prove that Esther had committed suicide and that the accusations against the Jews are only based on lies and hatred.
An den guten Absichten der Hersteller soll bestimmt nicht gezweifelt werden. Die Juden, die in den letzten Jahren so viel Leid durchmachen mußten, haben jetzt kein anderes Bedürfnis als Ruhe. Aber die Filmkunst, die eine viel stärkere Wirkung als Buch oder Zeitung auszuüben vermag, ist imstande, die Wellen, die sich etwas gelegt haben, zu neuem Sturm emporzupeitschen. Wenn auch im Film selbstverständlich gegen den Ritualmord gesprochen wird, so kann die Tatsache, daß dieses Thema überhaupt behandelt wird, von den Feinden der Judenschaft benützt werden, um neuen Haß zu entfesseln. In einer Zeit wie der heutigen, in der viel Zündstoff angesammelt ist, genügt ein Funke, um neue Leidenschaften zu entfachen. [...] Lassen wir erst einige Jahre vergehen und die Welt sich beruhigen, dann wird man über manche Dinge und vielleicht auch über solche heikle Probleme sprechen können.
G. W. Pabst begann am Montag auf dem Rosenhügel: Der Prozeß
Österreichische Kino-Zeitung, Nr. 94, 17.5.1947
Der Film behandelt das gleiche Thema wie Affäre Blum: die Vernebelung des Rechtsgefühls durch den Antisemitismus. Nur noch ausgebreiteter, derber als in Engels Film. Was dort in der privaten Sphäre blieb, wird hier bei G. W. Pabst Staatsaktion. Die Folgerungen werden dem Zuschauer gleich in den Mund gelegt. Die Leinwand wird zum Tribunal!
Ein großer Film ohne Frage. Aber ich würde trotzdem, wäre ich vor die Wahl gestellt Affäre Blum vorziehen. Pabst muß, um den ganzen Stoff zu bewältigen, mitunter sehr stark vereinfachen und entgeht dabei der Schwarz-Weiß-Malerei nicht. Neben Szenen, in denen die Symbolkraft des Filmbildes beste Stummfilmerinnerungen weckt, erspart er sich und uns auch schreiende Kinder und exakt wogende Volksmassen à la Meiningen nicht.
Ein sehr ausgeruhter Film auch, mit viel Kalkül in den Kameraeinstellungen, und doch wurde darüber das Drehbuch nicht vergessen, wie etwa bei Morituri. Ein Auge für die Bildwirkung, ein Auge für das Drehbuch, so soll es sein, so ist es hier. Viele bekannte Gesichter, Ernst Deutsch unter anderm, der einen Rabbiner spielt und fast nur Bibelzitate spricht und doch, mit wieviel Würde und menschlicher Wärme! Ewald Balser in einer sehr edelmütigen Rolle hat fast nur edle Allgemeinplätze zu sagen, tut dies aber mit einer so eigenen Spannkraft, daß auch das Allgemeinste persönliche Farbe bekommt.
Ba.: Der Prozeß
Der Abend, 16.12.1948