
Adaptation von Büchners Dramen-Fragment, mit kleinen Abweichungen: Der einfältige Füsilier Franz Wozzeck wird von seinen vorgesetzten Offizieren schikaniert und ausgenutzt. Die Magd Marie hat ihm ein Kind zur Welt gebracht, doch aus Armut kann Wozzeck ihnen kaum etwas bieten. Aus Liebe zu Marie und seinem Sohn nimmt er jede Arbeit auf sich, lässt alle Demütigungen über sich ergehen und stellt sich sogar den Experimenten eines skrupellosen Arztes zur Verfügung, der ihn den ganzen Tag Erbsen fressen lässt. Wozzeck gleitet langsam in den Wahnsinn über. Als Marie, die von einem besseren Leben träumt, sich einem feschen Tambourmajor hingibt, kauft Wozzeck sich ein Messer und ersticht Marie. Er wird verhaftet, verurteilt und hingerichtet. In einer Rahmenhandlung steht Büchner als Studiosus vor der Leiche Wozzecks im Anatomiesaal der Universität und erzählt den Kommilitonen dessen Geschichte.
Franz Wozzeck, a simple fusilier, is harassed and exploited by his superior in this creative adaptation of a Georg Büchner drama. Marie, a maidservant, has just given birth to his son, but in a state of poverty he has nothing to offer them. Out of love for Marie and his son he takes on whatever work is available, enduring one humiliation after another. He even agrees to eat nothing but peas the whole day as an experimental subject of an unscrupulous doctor. Wozzeck slowly drifts into a state of insanity. When Marie, dreaming of a better life, commits herself to another man who is a smart drum major, Wozzeck gets a knife and kills her. He is then arrested, convicted and executed. In a background story, Büchner appears as a student in front of Wozzecks body in a university anatomy room and tells the story to his fellow students.
Ein seit zwanzig Jahren gehegter Plan des Regisseurs Georg C. Klaren fand mit diesem formalkünstlerischen und inhaltlich bedeutsamen Film endlich Erfüllung. Sein Versuch, mit optisch-dramatischen Mitteln den Sinn der unvollendet auf uns gekommenen Tragödie Georg Büchners zu deuten und auf die Gegenwart zu übertragen, ist im hohen Maße gelungen.
Wohlverstanden, Klarens Filmtragödie der schuldlos schuldig gewordenen, dumpfen Kreatur erscheint uns geglückt zu sein, eine vollendete Gestaltung fand sie, streng genommen, leider nicht. Daran ist zweifellos die literarisch zwar sehr interessante, aber gleichzeitig auch filmfremd wirkende Rahmenhandlung schuld, worin im Ablauf des Dramas immer wieder der gegen Spießermoral, Pseudowissenschaft und Militarismus polemisierende Student Georg Büchner erscheint. Der Film als volkstümlichstes Kunstmittel unserer Zeit erhielt durch dieses gewagte Experiment eine intellektuelle Atmosphäre, die im Theater notwendig sein mag, dem Film jedoch viel an Durchschlagskraft nimmt.
Trotz dieser einschränkenden Feststellung steht seine Aktualität im Deutschland unserer Tage außer Frage. Wozzecks Quälgeister von damals leben noch heute. Nach dem Hitlerkrieg mögen sie sogar als »Mörder unter uns« leben. Der gefühllos am »Objekt« Wozzeck experimentierende Doktor, den Paul Henkels geradezu hassenswert darstellte, könnte er nicht an KZ-Häftlingen seine verbrecherischen »Forschungen« verübt haben? Und die drei Musterexemplare altpreußisch-hitlerischer Militaristen: Hauptmann, Tambourmajor, Unteroffizier, die durch Arno Paulsen, Richard Häusler und R. Lieffertz-Vincenti differenzierteste Verkörperung erhielten, sind sie nicht in lebhaftester Erinnerung als Leuteschinder, die manchen Wozzeck in der Wehrmacht seelisch und körperlich auf dem Gewissen haben? Gewiß, sie leben heute im zivilen Mimikry unter uns, aber im Geiste schinden sie noch wacker, wacker weiter. Der Film warnt uns vor ihnen.
Peter Kast: Wozzeck-Drama als Film
Vorwärts, 18.12.1947
Mit dem Vorrecht des Dichters, mit zu leiden, sich liebend über seine Geschöpfe zu beugen, schuf Georg Büchner die Tragödie von der Einsamkeit und Verlassenheit der Kreatur, das erste deutsche Bühnenwerk um einen hilflosen Menschen aus der Tiefe. Der Film, den die DEFA nach Büchners Tragödie hergestellt hat, mißbrauchte jedoch das Werk zu einer billigen Exemplifikation dessen, was man in deren Bereich die »gesellschaftliche Wahrheit« nennt. Nach ihr ist allein die Gesellschaft schuld an Wozzecks Mord. Wir wollen uns nicht der gleichen fälschenden Vereinfachung schuldig machen, sonst erwiderten wir ihr wohl, daß dann also innerhalb einer bestimmten Lohnklasse alle Menschen folgerichtig zu Mördern aus Eifersucht werden müßten. Die geniale Skizze Büchners zeigt die grauenhafte Verlorenheit des Menschen und seine Abhängigkeit am simplen Beispiel eines Affekttäters aus Triebhemmung. Indem der Drehbuchverfasser und Regisseur Georg C. Klaren daran ging, die Absichten des Dichters auf unsere Zeit zu beziehen, nutzte er das Beispiel zu propagandistischen Zwecken. Bis auf eine von recht geringer Erfindungsgabe zeugende Rahmenhandlung folgte Klaren der literarischen Vorlage; er änderte auch wenig am Büchnerschen Dialog. So hören wir Büchner und vernehmen doch DEFA-Deutsch. Das ist eine glatte Fälschung. [...]. Nicht ein Hauch Büchners wird spürbar, nicht ein Hauch vom wirklich Tragischen des Menschseins weht uns aus diesem Film an. Antimilitarismus ist gewiß jegliche Unterstützung wert, hier aber wird der Kommiß in Szenen gezeigt, die »konfektioniert« sind wie im Ohm-Krüger-Film des »tausendjährigen Reiches«.
Edwin Montijo: Wozzeck im Film
Der Tagesspiegel, 19.12.1947
Buchner wrote the play in the 1830 and the film version was made in 1948, yet the spirit of this Wozzeck is medieval and the film seems to belong to the 1920s, that era in the German cinema which was obsessed with expressionistic demonstrations of the abnormal and the insane.
The footsteps of The Student of Prague echoe through Wozzeck, the shade of The Golem lies across it, and the mad genius of Dr. Caligari peers out through the eyes of the doctor who experiments upon the wasted body and unhinged mind of Wozzeck. Since it is 1836 or so, the doctor is a relatively enlightened man, but his retorts bubble with the alchemists' drugs of an earlier age, his steeple hat throws a medieval shadow and the fascination of all that is most evil and sinister in those times, a fascination even the most modern of Germans seem to feel the voice of Oxford whispering those last enchantments is very different from that of Nuremburg is implicit in his personality and pervades the film. [...]
Nothing in the film is quite in focus; the edges are deliberately blurred, blurred when supernatural horrors meet and blend with the horrors of this world. Kurt Meisel plays Wozzeck with a rapt and gloomy self-absorption. It is a powerful performance, lit up on rare occasions by a smile, a delight in normality, but normality is a rare visitor indeed to the dark regions this film inhibits.
Film of Buchner's Wozzeck A German Nightmare
The Times, 29.1.1953