cinefest - Internationales Festival des deutschen Film-Erbes
Susanne Dürr, Passau
Filmische Arbeit an der Vergangenheit. Zu drei Strategien des französischen Kinos, die Besatzungszeit zu bewältigen
La drôle de guerre, der seltsame, ja womöglich fast komische Krieg: diese Bezeichnung, die die Franzosen für den handstreichartigen Überfall Hitlerdeutschlands auf ihre geliebte douce France von 1940 und die Besetzung des Landes gefunden haben, kann nicht darüber hinweg täuschen, das die Occupation, die Besatzungszeit, sich bis heute als zutiefst traumatische Erfahrung in das nationale Bewusstsein Frankreichs eingegraben hat. Die verletzte Integrität des Territoriums durch die Spaltung in die nördliche zone occupée und das südliche Vichy-Frankreich, die Wiederholung der damals noch längst nicht verwundenen Schmach von 1871 und nicht zuletzt die schmerzliche Erfahrung, dass Polizei und Verwaltung auch unter deutscher Oberhoheit recht reibungslos funktionierten und den Besatzern in die Hand arbeiteten, ja dass die Besatzung auch Privatleuten ungeahnte Möglichkeiten der Denunziation eröffnete, all diese Erfahrungen konnte auch der Mythos vom Franzosen als wenigstens im Herzen unbeugsamen Widerstandskämpfer nicht ungeschehen machen.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Occupation seit 1944 zu einem der wesentlichen immer wieder durchgespielten Themen fiktionaler Gattungen wird, allen voran des Kinos. Im breitenwirksamen Film werden Strategien nationaler Vergangenheitsbewältigung durchgespielt; durch das nicht enden wollenden Thematisieren von Schande und Ruhm leistet der Film einen ganz entscheidenden Beitrag zur Arbeit an der Vergangenheit.
Die Occupation durch Hitlerdeutschland bildet. Grundthese ist, dass bereits in den allerersten fiktionalen Filmen, die über die Besatzungszeit gedreht wurden, die drei Strategien erkennbar werden, denen alle weiteren Filme zum gleichen Thema bis heute folgen: die ernste Strategie der Abdichtung gegen die identitätsbedrohende Vergangenheit, die ebenfalls ernste Strategie der Aufdeckung der Brüche, die die nationale Identität Frankreichs davongetragen hat, und schließlich die Komisierung, die das Thema seines Ernstes enthebt und damit das Bedrohliche dem befreienden Lachen preisgibt. La bataille du rail von René Clément, Melvilles Le silence de la mer und Le père tranquille, ebenfalls von Clément, sind als Prototypen dieser drei Strategien lesbar.