cinefest - Internationales Festival des deutschen Film-Erbes
Bernhard Groß, Berlin
Wartesaal des Lebens. Zeit- und Raumkonstruktionen im deutschen Nachkriegsfilm
Man findet in vielen deutschen Nachkriegsfilmen eine spezifische Art und Weise, wie Zeit und Raum gestaltet werden: die Filme sind gekennzeichnet von langen Rückblenden, deren erzählte Zeit oft so umfassend ist, dass die Vergangenheit nur in Episoden auftauchen kann, während die Gegenwart meist nur wenig Raum einnimmt und dann vor allem, um von der Zukunft zu sprechen (etwa in Käutners In jenen Tagen oder Jugerts Film ohne Titel). In dieser Gegenwart bewegen sich die Figuren oft so ziellos wie die Handlung oder sie sind starr und handlungsunfähig. Dies ist bedingt durch eine Raumgestaltung, in der die Unterscheidung grundlegender Koordinaten des Handlungsraums wie innen und außen, oben und unten etc. nicht mehr existiert.
In Bezug auf diese poetischen Koordinaten möchte ich am Beispiel Liebe 47 von Wolfgang Liebeneiner aus dem Jahr 1948/49 fragen, inwieweit die beschriebene zeitliche und räumliche Struktur der Filme selbst es dem Zuschauer ermöglicht, sich in Beziehung zu setzen zu dieser Welt des politischen, sozialen und moralischen Zusammenbruchs; inwieweit also die Nachkriegsfilme eine Paralyse begreifbar machen, die sich mit dem Topos der »Stunde Null« verbindet?