cinefest - Internationales Festival des deutschen Film-Erbes
Klaus Kreimeier, Berlin
Doppeltes Ausweichmanöver. Zu G. W. Pabsts Filmen DER PROZESS und GEHEIMNISVOLLE TIEFE
In den ersten Jahren nach Kriegsende sortiert G.W. Pabst das verbliebene ästhetische Material vergangener Jahrzehnte, anstatt den Blick auf die überstandene Katastrophe und die zerstörte Gegenwart zu richten. Er probiert die einst virtuos gehandhabten Sujets, Figurenkonstellationen, Gesten und Attitüden noch einmal aus und untersucht, was noch zusammen passt. Vieles passt nicht mehr, aber es taugt noch zu einem hochartifiziellen Konstrukt wie Geheimnisvolle Tiefe einem seltsam synthetischen Film, dessen Story an Abwege erinnert und dessen Protagonisten der Regisseur, wie in Geheimnisse einer Seele oder Die weiße Hölle vom Piz Palü, durch die Bilderstrudel realer und seelischer Abgründe wandern lässt.
In Der Prozeß, der sich dem Thema des Antisemitismus stellt, unternimmt Pabst ein doppeltes Ausweichmanöver: mit der Wahl des Stoffs, der auf einem ungarischen Dorf des Jahres 1882 angesiedelt ist, und mit der Entscheidung für ein antiquiertes ästhetisches Konzept. Seine Botschaft ist ein Appell an die »zeitlosen Werte« der Humanität, aber die humanen Absichten unterminiert er selbst durch den Rekurs auf eine obsolete, in den Ghetto-Szenen nachhaltig kontaminierte Bildsprache.