cinefest - Internationales Festival des deutschen Film-Erbes
Christine Müller, Heidelberg
Bloß Opfer - Keine Helden? Polen und Juden im polnischen Nachkriegsfilm
In Polen waren die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt vom Versuch der Aufarbeitung der deutschen und sowjetischen Besatzungszeit und des Terrors gegen die polnische Bevölkerung. Das Schicksal der polnischen Juden wurde als Teil der polnischen Tragödie angesehen. Auschwitz erinnerte die Menschen an das Martyrium des polnischen Volkes, denn die Polen, die im nationalen Befreiungskampf ihr Leben eingesetzt hatten, wurden von der Bevölkerung als Helden verehrt, während Juden »bloß Opfer« waren. Eine solche Kategorisierung der Opfer fand auch in anderen europäischen Ländern statt.
Man schien nicht so recht zu wissen, wie man damit umgehen sollte, dass während des Krieges fast die gesamte jüdische Bevölkerung Polens von den Nationalsozialisten planmäßig ermordet worden war. Ratlos stand man der Tatsache gegenüber, dass die polnische Bevölkerung Zeuge dieses schrecklichen Verbrechens wurde. Eine besondere Stellung nehmen hier jedoch Formen der künstlerischen Erinnerung ein, da die Kunst in den ersten Nachkriegsjahren noch recht frei war.
Drei Filme waren in Polen in den ersten Nachkriegsjahren besonders erfolgreich: Zakazane piosenki (Die verbotenen Lieder, 1946) von Leonard Buczkowski, Ostatni etap(Die letzte Etappe, 1947) von Wanda Jakubowska und Ulica Graniczna (Grenzstraße, 1947/48) von Aleksander Ford. Ford, ein Pole jüdischer Abstammung, überlebte den Krieg in der Sowjetunion. Nach dem Krieg thematisierte er als einer der ersten das polnisch-jüdische Mit- und Nebeneinander vor und während des Krieges. In Ulica Graniczna zeigt er am Beispiel eines Warschauer Mietshauses die Tage vor Kriegsausbruch, den Beginn des Krieges, die Errichtung des Ghettos und den Aufstand im Warschauer Ghetto. Er wollte einen Film über »die kleinen Leute vor dem Hintergrund einer großen Epoche« drehen und das ist ihm in sehr bewegenden Bildern gelungen.
Der Film erreichte nach seiner Premiere im Juni 1949 in nur wenigen Jahren fast sechs Millionen polnische Zuschauer und gilt damit als einer der erfolgreichsten Filme dieser Zeit.