
Die frühe Reflexion eines Überlebenden des Holocausts,der in jiddischer und polnischer Sprache das Schicksal seiner Familie erzählt: Die jüdische Familie Jelin lebt in Warschau, als die Deutschen Polen überfallen und besetzen. Die Juden werden zunächst ins Ghetto getrieben und dann nach Auschwitz abtransportiert. Dem Sohn David gelingt die Flucht aus dem Deportationszug, er schlägt sich zu den Partisanen durch und schließt sich ihnen an. Nach dem Krieg ist sein Leidensweg noch nicht zu Ende: Auf der Suche nach seiner Familie erfährt er, dass sein Vater im Konzentrationslager umgekommen ist, die Mutter ist verschollen. Er lernt die deutsche Jüdin Dora kennen, die ihre Eltern verloren hat und ebenso verzweifelt ist wie er. Dora muss Polen verlassen, David will in Deutschland seine Mutter suchen. In der amerikanischen Besatzungszone kommen sie in ein Lager für Displaced Persons (DPs) und heiraten dort. Schließlich finden sie Davids Mutter wieder und schenken ihr einen Enkel. Gemeinsam hofft die neue Familie, Deutschland verlassen und in einem jüdischen Staat weiterleben zu können.
A Holocaust survivor, shortly after the war, reflects in Yiddish and Polish on the fate of his family: The Jewish family Jelin lives in Warsaw when Germany attacks and occupies Poland. The Jews are first confined to the Ghetto and then transported to Auschwitz. After their son David manages to escape from the deportation train, he is able to make contact with guerrilla forces and join them. When the war ends, his suffering continues: Searching for his family he learns that his father has died in the concentration camp and his mother is missing. He meets Dora, a Jewish German who has lost her parents and is also in a state of desperation. Dora has to leave Poland; David wants to look for his mother in Germany. In the American Zone they are put in a camp for Displaced Persons (DPs), where they get married. They find David’s mother and present her with a grandson. Together the new family hopes to leave Germany and live peacefully in a Jewish country.
»Das wollen wir nicht mehr sehen.« Wie oft in den vergangenen drei Jahren wurde dieser Satz ausgesprochen. Man hatte einen Krieg verloren, also wollte man am liebsten nicht mehr an ihn denken. Jahrzehntelang feierte man den Sedantag. Buchenwald, Dachau, Auschwitz will man sofort vergessen. Wer aber in den Gefängnissen und Konzentrationslagern des Dritten Reiches war, dem fällt die Vergeßlichkeit schwer. Einer von ihnen, ein Jude aus Warschau, hat seine Erlebnisse aufgezeichnet. Sie dienten als Handlung für diesen Film. Seinen Vater hatte man (dieses »man«, das heute keiner gewesen sein will) in die Gaskammer geschickt, die Gesundheit seiner Mutter wurde zerstört, doch als er nach Kriegsende ansehen muß, wie Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben werden, weist er einen, der frohlockend ausruft: »Recht geschieht ihnen«, zurück. Er wünscht nicht, daß andere dasselbe erleiden, was er und die Seinen durchgemacht haben. Niemand soll aus seinem Haus vertrieben werden, niemandem Unrecht geschehen, die Menschen sollen endlich zur Ruhe kommen, Frieden finden.
Das sagt ein Jude, ein Heimatloser, ein DP, Israel Becker, von dem Idee und Drehbuch (zusammen mit dem Fachmann Georg Külb) zu diesem Film stammen, der in seiner Haltung und der Durchführung vieler Szenen alles übertrifft, was seit 1945 als »Zeitfilm« in Deutschland gedreht wurde. (Warum ist er nicht in Venedig gezeigt worden?) Mit routinierter Kolportage kann diese Zeit nicht wiedergegeben werden. Aufrichtigkeit und echte, erlebte Beteiligung wie hier und wie bei Leopold Lindberg sind die Legitimation zur Behandlung des Themas der Verfolgten und Heimatlosen.
Alexander P. Eismann:Gegen die Vergeßlichkeit.
Die Welt, 4.9.1948
[...] Niemand wird unberührt bleiben von der anständigen und versöhnlichen Gesinnung dieses Films, der in einer kurzen, aber entscheidenden Szene das Schicksal der vertriebenen Juden in Parallele zum Geschick der deutschen Flüchtlinge setzt. Damit wird der Film zu einem Manifest gegen jegliches Unrecht und gegen alle Verbrechen wider die Menschlichkeit, die erst an den Juden und später an Deutschen verübt wurden. »Wie kann denn Frieden kommen «, sagt hier der jüdische Held des Films, »wenn niemand aufhören will, zu hassen!«
Sie hören nicht auf. Noch immer grassiert in dieser Welt ein kollektiver Deutschenhaß. Noch immer gibt es Deutsche, die etwa bei der Vorführung dieses Films in Berlin angesichts des Auschwitzer Krematoriums applaudierten und dazwischen riefen: »Es sind nicht genug umgekommen! « Sie hören nicht auf. So steht dieser Film, noch immer, im Kampf. Kein anständiger Mensch kann im Zweifel sein, welche Stellung er hier zu beziehen hat.
Auch dann, wenn dieser Film offenkundige Fehler macht. Es ist verdienstvoll, wenn der Film am Ende zeigt, daß es große DP-Schulen gibt, daß DPs auch als Handwerker, als Erntehelfer, als Techniker arbeiten. Viele wissen das nicht. Viele Deutsche glauben, angesichts etwa der Münchner Möhlstraße, sämtliche DPs trieben ausschließlich Schwarzhandel und seien insgesamt kriminelle Elemente: damit wird dann etwas wie eine DP-Kollektivschuld konstituiert, die letzlich bei dem Satz »Die Juden sind schuld« endet, mit dem doch alles Unheil, auch das Unheil jener These von der deutschen Kollektivschuld, begann. Hier könnte der Film aufklären indem er sagt: nicht alle DPs sind so, bei weitem nicht alle und viele, die so sind, wurden es durch jenen Wahnsinnsweg durch Ghettos, KZs, Austreibung, beharrlichen Antisemitismus und jahrelanges, demoralisierendes Warten auf das versprochene neue Leben, das nicht kam.
Der Film sagt es. Aber er sagt zu wenig. Er beschönigt. Arbeitswillige und entgleisende DPs stehen hier in einem reichlich illusionistisch wirkenden Verhältnis. Der Münchner Bürger, der noch immer erschrickt, wenn ihm auf nächtlicher Straße DPs begegnen, wird der Emphase dieses pädagogischen Optimismus mit einigem Mißtrauen begegnen. Damit bringt sich der Film am Ende um einen Teil seiner Wirkung. Man soll, wenn man der Wahrheit dient, wie dieser Film es tut, nichts beschönigen: nichts, was Deutsche, und nichts, was jüdische DPs taten und tun. Das konventionelle Aufbau-Pathos des Schlusses mit Pflugschar und Drehbank wirkt hier, da DPs hinterm Pfluge gehen, ebenso unaufrichtig wie die ähnlichen Schlüsse deutscher Nachkriegsfilme, wo entwurzelte und rechtzeitig geläuterte Großstadtjugend genau so pathetisch ackert oder Brücken baut. Man glaubt es den einen wie den andern nicht. [...]
Liquidiert die Lager! Nichts anderes kann die Schlußfolgerung aus diesem Filmdokument sein. Liquidiert die Lager, ob es Konzentrations-, Gefangenen-, Internierungs-, DP- oder Flüchtlingslager, ob es Zwangs- oder sogenannte Gnadenlager sind sie alle zusammen sind die Schande dieses Zeitalters. Wenn die DPs endlich auswandern dürfen, wohin sie wollen, wenn die Flüchtlinge endlich wieder Heimat und normale Lebensbedingungen haben, wenn von den Internierten endlich die Schuldigen ordnungsgemäß und gerecht verurteilt und die anderen entlassen sind, wenn die Kriegsgefangenen zurückkehren und wenn es nirgends in der Welt mehr Zustände gibt, die auch nur entfernt an Konzentrationslager erinnern, erst dann ist das große Schuldkonto dieses Krieges wenigstens zu einem geringen Teil abgetragen. Aber der Weg ist lang. Noch weiß niemand, wohin er führt. Filme wie dieser sind nicht nur Dokumente. Es sind Warnungen, niemand möge später sagen, es habe in dieser Zeit an Warnungen gefehlt.
Gunter Groll: Liquidiert die Lager!
Anmerkungen zu einem Film über jüdische DPs
Süddeutsche Zeitung, 16.11.1948