
In den Trümmern des Hamburger Hafens, am Ufer der Elbe begegnen sich zwei Menschen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen: die junge Anna Gehrke und der aus Russland heimgekehrte Unteroffizier Beckmann. Sie beginnen miteinander zu reden, schieben ihren Selbstmord auf und erzählen einander ihre Geschichte. Anna hat ihren Mann an der Ostfront verloren, ihr Kind ist auf der Flucht vor der ums Leben gekommen, die Männer, denen sie begegnet, nutzen sie aus, sie führt ein trostloses Leben. Beckmann erfährt bei seiner Rückkehr, dass sein Sohn bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen ist. Seine Frau lebt mit einem anderen Mann zusammen, und seine Eltern, die Parteimitglieder waren, haben nach Kriegsende Selbstmord begangen. Er fühlt sich verantwortlich für den Tod von elf Soldaten, die in einem Spähtrupp unter seinem Kommando gefallen sind. In Alpträumen verfolgen ihn die Toten, ihre Frauen und Kinder. Anna und Beckmann kommen sich langsam näher und beschließen, nun füreinander da zu sein.
In the rubble of the
Der Trümmerfilm scheint unsterblich zu werden. Er ist immer noch das Steckenpferd einfallsloser Regisseure. Dabei sind Trümmer gar kein schlechter Stoff. Alles, was geschieht oder meist nicht geschieht, geht vorerst auf Krücken. Aber billig ist das nicht. Jedenfalls nicht so kostenlos wie der fotografierte Katzenjammer des Lebens. Seit Jahren kehren in den deutschen Filmfabriken ganze Armeen heim. Vom Schützen bis hin zum General finden sie tapfer ins Leben zurück, gut beleuchtet, von der Kamera nach allen Seiten ausgenommen und von Schlagerschreibern aufrüttelnd versonnt. Die wenigen Filme, die den richtigen Ton trafen, haben das Maß des Erträglichen längst vollgemacht.
Trotzdem wird weiter unbekümmert auf Zelluloid heimgekehrt. Auch Wolfgang Liebeneiner kann nicht anders, als hinter der ruinierten Fassade der Gegenwart nach lohnenden Effekten zu suchen. Dass der ehemalige Filmprofessor des Propagandaministeriums wieder Gelegenheit hat, im Schutthaufen der großen Zeit, in der er seine preußischen Monumentalgemälde in den Kinos »künstlerisch und staatspolitisch wertvoll« projizierte, von neuem zu kurbeln, gehört zu den Merkwürdigkeiten, die einen Kommentar nicht mehr lohnen. Sein neuester Film Liebe 47, in Göttingen erstaufgeführt, fordert aber zur Ehre des toten Wolfgang Borchert kritische Anmerkungen heraus. Die Tatsache der Verfilmung der Dichtung steht hierbei nicht in Frage. Sie scheint nach den ersten Urteilen künstlerisch tragbar zu sein. Was aber nicht ohne Widerspruch hingenommen werden kann, ist die Verfälschung der Idee. Borcherts »Draußen vor der Tür« ist eine einzige Frage. Als Zeitstück führt es die Literatur der letzten Jahre an. Es ist vom Dichter nicht anders bewertet worden, als eine erste Empörung des gequälten Gewissens gegen menschliche Gleichgültigkeit. Eine Antwort darauf gibt es nur in der Einsicht und Wandlung der Zeitgenossen, an die diese Frage gerichtet ist. Auch Liebeneiner bemüht sich um die Antwort. Aber er, ein Freund Borcherts, verrät den Freund mit falschen Tönen von vorgestern. [...] Diese Antwort auf des toten Dichters Frage: Gibt denn niemand Antwort?, sieht so aus: Randfiguren des Dramas werden über ihre Substanz hinaus in einer klischierten Rahmenhandlung zum peinlichen Aufsatz der von Borchert realistisch gezeichneten Bilder. Das Film-happy-end bringt die Rückkehr in die bürgerliche Behaglichkeit, in das traute Heim: Plüschsofa, Stehlampe, Radio, liebendes Mädchen nichts ist vergessen. [...] Man sollte das Unglück nicht durch Harmlosigkeit beleidigen. Ganz besonders Wolfgang Liebeneiner hätte keine Ursache dazu. Oder ist es etwa Absicht?
kh: Verrat an Wolfgang Borchert
Gießener Freie Presse, 19.3.1949
Borcherts Stück war Verzweiflung 45/46. Daraus hat man Liebe 47 gemacht, der Titel besagt's. Den fertigen Film sieht man heute, Anno 49. Darin liegt die Problematik dieser Schöpfung. Sie steht im bedrohlichen Schatten des »zu spät«.
Die Zeit hat die Belehrbaren von den Unbelehrbaren bereits geschieden, jetzt, da die Wunden der Vergangenheit grob geheilt sind. Die Belehrbaren haben bereits begriffen, was dieser Film ihnen noch einmal begreiflich machen will, und die Unbelehrbaren leiden unter seiner Länge. Unter der Klage, unter dem Schrei von gestern und der engen, illusionslosen Hoffnung von morgen. [...] Liebe 47 ist der ehrlichste, sauberste, künstlerisch überzeugendste und aufrichtigste deutsche Nachkriegsfilm. Er wird in den Großstädten Bewunderung hervorrufen und das Gemüt der Skeptiker mit neuer Hoffnung füllen. Aber er wird schwerlich das einbringen, was er kostete. Und er wird im Ausland nicht jene Wirkung erzielen, die man sich verschiedentlich von ihm versprach. Denn was da künstlerische Gestaltung fand, ist im Grunde nur jenen recht begreiflich, die das Grauen erlebt haben, die mit dabei waren, die Anteil hatten und mitlitten, mithofften, die einmal so verloren waren, wie Unteroffizier Beckmann, so verzweifelt, wie Anna Gehrke.
Wie kann jemand die Kabarett-Wirkung des Liedes von der kleinen Soldatenfrau begreifen, der die Propaganda-Wirkung des Wilhelm-Striez-Liedes vergangener Wirklichkeit nicht erlebte?
Liebeneiners Gestaltung hat Längen, große Augenblicke, ist am stärksten in den Traumvisionen und klar und präzise in der Schilderung des Schicksals der Anna. Die Brücke zwischen der realistischen Anna-Geschichte und der visionären Beckmann-Geschichte, die in ihren stärksten Augenblicken nur aus grauenhaften Träumen wächst, ist freilich nicht immer geschlagen. Was der Dichter getrennt hat, kann sein Freund schwer zusammenfügen. Liebeneiners Schluss, das »Drinnen im Zimmer« war für das Filmparkett von Anno 49 notwendig. Das »Draußen vor der Tür« hätte niemand mehr ertragen.
Willy H. Thiem: Drinnen im Zimmer: ein neuer Glaube
Wolfgang Liebeneiner ging neue Wege
Abendpost (Frankfurt), 2.4.1949