
Ein Mann und eine Frau streifen ziellos durch die Nacht, aus Langeweile und Einsamkeit. Er ist ein desillusionierter Kapitän, der seit Jahren nicht zur See gefahren ist und jetzt als Heizer in einer Fabrik arbeitet. Sie hat gerade erfahren, dass ihr Mann, auf den sie gewartet hat, schon längst aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist und mit einer anderen Frau zusammenlebt. Zufällig treffen sie im hamburger Vergnügungsviertel St. Pauli aufeinander und ziehen gemeinsam von einer Lokalität in die nächste. Unterwegs haben sie so manche Begegnung, bleiben aber zusammen. Sie tanzen, trinken, küssen sich und landen schließlich in einem Stundenhotel. Bei einer Razzia werden sie getrennt, und die Nacht endet. Werden sie einander wiedersehen?
A man and a woman roam aimlessly through the night, suffering from both boredom and loneliness. He is a disillusioned captain, who has not been at sea for years and now works as a stoker in a factory. She has just found out that her husband, who she has long been waiting for, has already returned from war captivity and lives with another woman. By chance they meet in Hamburg Entertainment district St. Pauli and they wander together from one bar to another. They see practically every extreme St. Pauli has to offer, but stay together. They dance, drink, kiss and finally end up in a sleazy hotel. During a police raid they get separated, and the night ends. Will they meet again?
I
Daß sich da eines Tages ein paar Filmleute hinsetzten und erklärten: »So jetzt machen wir einmal etwas ganz Neues!« das ist, in Anbetracht der deutschen Filmsituation, sehr anerkennenswert. Auch daß sie anschließend vermutlich sagten: »Etwas wie Rossellini!« das mag, in Anbetracht der deutschen Filmsituation, zu begrüßen sein, wiewohl auf diese Weise etwas gar so Neues schon nicht mehr dabei herauskommen konnte. Doch übernommener Neo-verismo mag immer noch besser sein als die überkommene Konfektion.
II
Und immerhin: es kam eine glaubhaft-schlichte Geschichte dabei heraus, von einem Mann, der einsam durch die Straßen treibt und einer Frau begegnet, die genau so einsam ist; ihre Geschicke verknüpfen sich für ein paar Stunden, bis irgendein Ereignis, eine Razzia, sie wieder trennt. Hauptdarsteller: der Hafen, die Reeperbahn, die Atmosphäre St. Paulis, Lichter und Schatten der Nacht. Stil: unbedingter Realismus, ohne Atelier, Panorama des Lebens, unverfälschte Wirklichkeit. Sinn der Sache: kleines Gleichnis menschlicher Verlorenheit. Furcht und Hoffnung in den großen Städten.
III
So weit ist alles gut und zuweilen imponierend, was Kampendonck da geschrieben, Kyrath photographiert und Kirchhoff inszeniert hat. Es gibt prächtige, wenn auch ein wenig nach Modell gearbeitete Einzelheiten (Straßenbilder à la Rossellini, Gedankenmonologe bei geschlossenen Lippen à la Orson Welles, Drehorgel-Atmosphäre à la René Clair, kleine Hafen-Gags à la Käutner), es gibt dann weiter, außer einigem Aha-Stil mit überdeutlichen Symbolen, denkwürdige Passagen, bei denen man freilich zu spüren meint, wie sehr die Filmgestalter sich anstrengten, auch ja alles zu vermeiden, was nach Klischee aussieht
IV
aber ach, nach einiger Zeit sieht man sie förmlich schwitzen dabei, man hat mehr und mehr den Eindruck des Erzwungenen, der gewaltsamen Zurückhaltung, man meint den vorerst verscheuchten Geist des Klischees im Hintergrund unwillig murren zu hören und plötzlich, mit einem Schlage, ist er wieder da. Aus ist es mit Rossellini, Clair und Käutner, mit unbedingtem Realismus und filmischem Gleichnis. Die Traumfabrik öffnet die Tore, den verlorenen Sohn zu empfangen, die Träne quillt, die Branche hat ihn wieder.
V
Denn als der Film eigentlich zu Ende ist und die beiden Einsamen (Marianne Hoppe und Hans Söhnker spielen sie auf angenehm zurückhaltende Art) sich trennen, da begegnet der einsamen Heldin ein alter Organist, der sie zielbewußt in die Kirche führt und ihr solange auf der Orgel vorspielt, bis sie einerseits hinreichend geläutert aussieht und andererseits der einsame Held ganz zufällig! des Weges kommt, dem sie zum frohen happy end in die Arme sinkt. Und die Orgel spielt dazu. Bach.
VI
Daß sie sich hinsetzten, etwas Neues zu machen, war anerkennenswert. Daß sie es verbinden wollten mit dem, was sie doch eigentlich zu überwinden gedachten, mit der Fiktion des Publikumsgeschmacks, der falschen Romantik, den Konstruktionen der Arrangier-Dramaturgie das läßt den anfangs gefesselten und schließlich mehr und mehr enttäuschten Betrachter in einiger Bitterkeit zurück. Es ist schade um diesen Film (Rathaus-Lichtspiele). Er ist wie ein Weg, der mutig beschritten wird, unter dem flatternden Banner der Avantgarde, und der doch nur im Kreise herum und wieder zurückführt ... Kurzum: es wäre wohl an der Zeit, einmal etwas ganz Neues zu machen.
Gunter Groll: Umwege des deutschen Films: Nur eine Nacht
Süddeutsche Zeitung, 13.7.1950
Dieses Schicksal zweier (übrigens recht ungleichwertig gezeichneter) Charaktere ist geeignet, unseren Glauben an das Menschliche aufs neue schwer zu erschüttern. Man hofft nach dem raffinierten Zugriff des Anfangs, nun gäbe es endlich einmal einen anderen und guten Weg: aber es kommt, was kommen muß und was der Titel schon so zugkräftig verheißt. Wir stoßen uns daran, nicht weil es unmoralisch wäre, sondern weil die innere Rechtfertigung dafür fehlt. Man glaubt es diesen beiden Menschen einfach nicht, daß sie sich in dem schmutzigen Hotelzimmer genau so benehmen wie alle vor ihnen, und es wird auch nicht dadurch sublimiert, daß die Frau, im Morgengrauen einer Orgel lauschend, gleichsam gereinigt wird. Wann endlich wird der Film davon absehen, die heikelste Nähe menschlicher Beziehung durch wahllosen Mißbrauch zu bagatellisieren? Die Masse bekommt es ja täglich im Kino bestätigt, wie selbstverständlich und unbedenklich diese Dinge zu handhaben sind! Wir aber wünschen uns das Beispiel, dessen Lauterkeit und Größe wir von Herzen nacheifern möchten.
Auch diesen Film können wir bei allem betonten Respekt vor seiner geschliffenen Fassung nicht von dem Vorwurf der Fahrlässigkeit freisprechen. Er ist echt, unheimlich echt sogar, aber nicht ehrlich und wahr genug. Die breite Menge wird bestätigterweise sofort seine Fahrlässigkeit akzeptieren, seine beachtlichen künstlerischen Vorzüge aber gar nicht erkennen. Für die Jugend kommt er nicht in Frage.
H. H.: Nur eine Nacht
Evangelischer Film-Beobachter, Nr. 16, 16.8.1950