
Im Nachkriegs-Berlin blüht der Schwarzmarkthandel mit Waren aller Art. Kriminalkommissar Naumann und seine Mitarbeiter Lorenz und Becker sind einer Bande von Alkoholschiebern auf der Spur, die ihr Hauptquartier in der Tanzbar »Alibaba« haben. Als die Polizei dort eine Razzia durchführt, findet sie jedoch keinerlei Beweise. Naumann ist überzeugt, dass einer seiner Mitarbeiter den Schiebern einen Tipp gegeben hat. Tatsächlich ist es Becker, der ein Verhältnis mit der Barsängerin Yvonne hat. Als Naumann der Sache im Alleingang nachgeht, wird er von den Verbrechern ermordet, die gerade dabei sind, in großem Stil gestohlene Medikamente auf den Schwarzmarkt zu bringen. Naumanns labiler Sohn Paul gerät nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft auf die schiefe Bahn und arbeitet schließlich für die Schieber, stellt sich ihnen jedoch im richtigen Moment in den Weg. Vor der entscheidenden Razzia versucht Becker noch die Verbrecher zu warnen, doch der Polizei gelingt es in einem dramatischem Einsatz, den Kopf der Bande zu verhaften.
In post-war Berlin the black market for practically everything is booming. Detective superintendent Naumann and his assistants Lorenz and Becker are after a gang of alcohol traffickers, who have their headquarters at “Alibaba”, a local dance club. Surprisingly, when the police do a raid there, they don’t find any evidence. Naumann is convinced that one of his men has leaked the plan to the traffickers. Indeed Becker does have a relationship with Yvonne, a singer in one of the clubs. When Naumann tries single-handedly to convict the gangsters, he gets killed by the criminals, who are preparing to sell a huge shipment of stolen medications on the black market. Naumann’s unstable son Paul is lured into the black market scene after his return from war captivity. He starts working for the traffickers, but fortunately obstructs them at just the right moment. Becker tries to warn the criminals before the crucial raid, but in a dramatic operation the police manage to arrest the head of the gang.
Nichts ist gemeiner, als sich skrupellos und kaltherzig an der Not der Mitmenschen zu bereichern. Niemand ist gemeiner als der Schieber, als der Schwarzhändler, der aus dem grauen Elend, das ihn rings umgibt, sein schmutziges Gewerbe nährt. Mag er es beschönigen, wie er will was er tut, bleibt ein Verbrechen, wie er selber ein Verbrecher bleibt, auch wenn er die Maske des honetten Geschäftsmannes oder des fixen Jungen noch so täuschend zur Schau trägt.
Das etwa ist der moralische Hintergrund des DEFA-Films Razzia, der in der Staatsoper unter dem Beifall des Publikums uraufgeführt wurde. Der »reale« Hintergrund ist das Nachkriegsberlin, dessen Schattenseiten der Regisseur Werner Klingler mit der von Friedl Behn-Grund und Eugen Klagemann geführten Kamera belauscht. Da sieht man immer wieder das Gewühl des Schwarzen Marktes in der trostlosen Trümmergegend des Reichstages, wo die Kleinen das Letzte von ihrer armseligen Habe hergeben, weil sie Hunger haben, und die Großen ihr Schäfchen ins Trockene bringen, ohne einen Finger krumm zu machen. Da sieht man jene äußerlich harmlosen Kneipen, in denen die Halbstarken zu den Hotklängen eines verstimmten Klaviers Geschäfte tätigen, deren kommerzielle Basis die »Stange« Camel oder Chesterfield und deren Ursprung und Ende wiederum der Schwarzmarkt ist. Da sieht man weiter, wo der Gewinn aus dieser Art von Handel sich in Alkohol und Liebe umsetzt; die Luxusbar mit Talmieleganz, mit Pseudokavalieren und mit Pseudokünstlern, zu deren Stammpublikum zu gehören der Wunschtraum der Akteure dieses Lebens ist. Da sieht man die Gefährdeten ausgleiten und abrutschen, die einen ganz und für immer, die anderen, bis das Schicksal ihnen die Augen öffnet und einen Strohhalm reicht, an dem sie wieder Halt und Haltung finden, und man lernt auch die andere Seite kennen; die Männer, die dem Verbrechen den Kampf angesagt haben und deren Alltag die Sensation ist, die die anderen sonntags im Kino betrachten die Kriminalpolizisten, deren stille, unermüdliche, aufopfernde Arbeit zum eigentlichen Gegenstand des Films wird. Vor diesen Hintergründen breitet sich eine kräftig akzentuierte Handlung aus, die vom Alkohol- und Medikamentenschmuggel über Liebe, Verlobung und traute Familiengeburtstagsfeier bis zur Geheimtür im Verbrecherkeller und zum brutalen Mord alle Motive zusammenträgt, die herkömmlicherweise zu einem handfesten Kriminalfilm gehören. [...]
Man wollte Größeres, als nur einen guten Kriminalfilm drehen. Zwar ist darum Razzia auch kein ganzer Kriminalfilm geworden, aber die Zustimmung, die die Premiere fand, bewies, daß dem Publikum wichtiger als dies die Erkenntnis der erzieherischen Bedeutung des Stoffes war, in dem es viel Bezeichnendes für die gefährliche moralische Situation der Zeit wie in einem Spiegel sah.
Eu [= Hans Ulrich Eylau]: Ein realistischer Zeitfilm
Tägliche Rundschau, 3.5.1947
Mit Pauken und Trompeten wurde in einer ganz auf Gala abgestimmten Premiere nunmehr dieser vierte Film der DEFA-Produktion [...] zu Grabe getragen und damit unsere Hoffnung, der deutsche Nachkriegsfilm könnte aus der technischen Beschränkung zu einem neuen Stil der Impression und der künstlerischen Avantgarde finden. Razzia, das springt ins Auge, das gellt im Ohr und das müßte aufregend und spannend sein vom ersten Meter an, alarmierend, ein Angsttraum, ein Terror für die Unterwelt, Überfallkommando in der Nacht, Jagd durch Keller und über die Dächer. Man denke nur an den meisterhaften französischen Film Panique, an seine mit Unheil und Verbrechen geladene Introduktion, an die Steigerung des atembeklemmenden Geschehens bis zum Ausbruch der bösen aufgehetzten Massenseele. Was hier jedoch unter Razzia verstanden wird, ist nur ein sehr mattes und langweiliges Versteckspielen zwischen Kriminalpolizei und Schiebern, wobei man manchmal nicht genau weiß, wer sich vor wem versteckt. Dafür aber gibt es hier sehr viel bürokratische Jovialität im Altberliner Jargon, sehr viel familiäre Betulichkeit im trauten Heim des Kommissars und daneben ein im faden Talmi dahinsiechendes Nachtleben. Es werden schlechte und lederne Leitartikel abgehandelt über Schwarzhandel und über die moralische Pflicht seiner Bekämpfung, überhaupt spricht man hier sehr viel von »Pflicht« und in ähnlichen Vokabeln, wie »der einzelne ist nichts«, »das Werk fortsetzen«. In dieser Weise tönte es so wie gestern aus dem Drehbuch, das schwach ist wie dieser temperamentlose Film selbst. Im übrigen hat man wie üblich nichts vergessen: Heimkehrer, spielende Kinder zwischen Trümmern und ausgebrannten Tanks, verpappte Fensterscheiben, die Selbstgedrehte aus dem Selbstgebauten, die Karte zwei es fehlt nichts und fehlt doch alles.
K. W. K.: Razzia Ein DEFA-Film
Tagesspiegel, 6.5.1947