
Psychologisches Kammerspiel nach Jean Vercors' gefeierter Résistance-Novelle: Im Winter 1940 ist Frankreich von deutschen Truppen besetzt. Der kultivierte deutsche Offizier Werner von Ebrennac wird in ein Landhaus einquartiert, das von einem alten Franzosen und seiner Nichte bewohnt wird. Die beiden Franzosen begegnen dem Deutschen mit eisernem Schweigen. So werden die gemeinsamen Abende am Kamin zu Monologen des Deutschen, über Literatur und Musik, seine Liebe zu seinem Heimatland und zu Frankreich. Er glaubt, dass Deutsche und Franzosen sich am Ende die Hände reichen werden. Bei einem Urlaub in Paris erfährt er jedoch von den Konzentrationslagern, und im Gespräch mit anderen Offizieren wird ihm klar, dass die Nationalsozialisten Frankreich und seine Kultur vernichten wollen. Seiner Illusionen beraubt, meldet von Ebrennac sich freiwillig zur Ostfront. Beim Abschied bricht die Nichte zum ersten Mal ihr Schweigen und haucht ein einziges Wort: »Adieu«
Based on Vercors‘ praised Résistance novella: In Winter 1940
Hier haben wir einen jungen Cineasten, der, kaum dass er die Grundlagen der Studiotechnik kennt, sich daranmacht, das denkbar unverfilmbarste Werk zu verfilmen. Will er mit einer Großtat prahlen? Keineswegs. Er hegt eine leidenschaftliche Bewunderung für Vercors' »Le silence de la mer« und meint, dass seine Kamera dazu beitragen kann, diesem Werk zu größerer Beachtung zu verhelfen.
Er weiß sehr wohl um das mögliche Scheitern seines Projekts. Aber er widmet sich beharrlich seiner Ausführung. Um den Vorbehalten des Autors wie berechtigt sie auch seien zuvorzukommen, verpflichtet er sich nicht nur, das Buch Wort für Wort zu verfilmen, sondern auch, den Film einer ganz besonders gewissenhaften Jury zu unterwerfen. Und in Vercors' eigenem Haus macht er sich mit geradezu lächerlichen finanziellen Mitteln an die Arbeit. Es liegen darin eine Inbrunst und eine Aufrichtigkeit, die es verdienen, etlichen »Filmern« (wie Delluc sagen würde) literarischer Werke als Beispiel zu dienen.
Ich sage gleich, dass Melville das Unmögliche nicht vermocht hat. Auf künstlerischer Ebene gelingt es dem Film nicht, an das Niveau seiner Vorlage heranzukommen. Aber das Wesentliche wurde erreicht. Der Gedanke, der aus »Le silence de la mer« strömt, bietet sich von nun an Millionen von Zuschauern dar.
Muss ich an das Thema des heimlich bei den Éditions de Minuit veröffentlichten schmalen Bändchens erinnern, in dem Vercors in Sätzen von der Kraft eines Schreies und der Tiefe einer Andacht all das ausdrückte, was das französische Bewusstsein empfand, das durch die Niederlage zu einer entsetzlichen Vertraulichkeit mit dem Besatzer gezwungen war? [...]
Natürlich vereinfachen diese wenigen Zeilen dieses an Problemen schwere Buch, in dem jedes Wort zum Nachdenken einlädt, grob. Doch können sie wohl die Schwierigkeiten der Umarbeitung für die Leinwand andeuten. Die vier Wände eines Zimmers. Drei Protagonisten, von denen nur einer spricht, während die beiden anderen bestrebt sind, nichts von ihren durch dieses Sprechen hervorgerufenen quälenden geistigen Kämpfen in ihren Gesichtern wiederzuspiegeln. Dieser von bedrückendem Schweigen unterbrochene Monolog ist in Wahrheit das Gegenteil von Kino. Er macht selbst den gewöhnlichen Ausweg des abgefilmten Theaters unmöglich. Der Reichtum und die Ausdruckskraft von »Le silence de la mer« verdanken sich einer literarischen Ästhetik, die ihren Höhepunkt erreicht hat. [...]
Dieses Drama, dessen treibende Kraft das Schweigen ist, steht dem Symbolismus näher als einem noch nie da gewesenen Realismus. Und diese seltsame Situation, die wir durch die Zauberkraft des gedruckten Wortes akzeptieren, muss unter dem Objektiv der Kamera zwangsläufig einen Hauch Unglaubwürdigkeit annehmen.
Der Regie merkt man hier und da etwas Unbeholfenheit an. Doch der Film bewegt oft bis zur Erschütterung. Und zwar weil es ihm in vielen Szenen gelungen ist, die Schönheit der Inspiration des Werkes auf die Leinwand zu übertragen. Er gibt den Text fast vollständig wieder.
Raymond Barkan: Le silence de la mer
Les Lettres françaises, 26.4.1949
Vercors berühmte Novelle aus der französischen Résistence war eins der ersten ausländischen Werke, das nach dem Krieg auch in deutscher Sprache herauskam. Das Problem der Verständigung der deutschen und der französischen Nation steht im Hintergrund wenn dafür auch nur zunächst eine einzige Stimme spricht wie die jenes kultivierten deutschen Offiziers, der sich so ganz von all denen unterscheidet, die sich mit brutalem Vernichtungswillen das Regime in Deutschland angemaßt hatten. In Vercors im Jahre 1941 spielender Novelle ist dabei manches verdeckter, was in dem Film [...] weit krasser in Erscheinung tritt obgleich Jean Pierre Melvilles Verfilmung sich im Ablauf der »Handlung« [...] streng an Vercors Novelle zu halten bemüht ist. Was bei diesem Film aber wieder das Bewundernswerte ist, sind die darstellerischen Mittel der drei Personen, der beiden immer schweigenden französischen Bewohner des Hauses, in dem der Offizier sein Quartier zugewiesen erhielt (eines alten Mannes und seiner Nichte) und des in tragischem Zwiespalt zwischen seiner Pflicht und seinen inneren Gefühlen leidenden und daher auch immer verzweifelter sprechenden Deutschen. Ganze Teile dieses Filmes bestehen überhaupt nur aus »Großaufnahmen«, aus der Wiedergabe des Mienenspiels des Sprechers und der beiden Schweigenden, und diese Szenen sind so suggestiv, daß man auf manches, was mehr die historische Situation, die Leiden Frankreichs während des Hitlerregimes zeigt, verzichten könnte, so gut und treffend auch diese Außenaufnahmen an sich sind. Der Kunst des mimischen Ausdrucks im Film haben die französischen Regisseure schon immer ihr besonderes Interesse zugewandt. Bereits der sensationelle Jean-d'Arc-Film, den man vor mehr als zwei Jahrzehnten sah, war ganz auf das Mimische eingestellt. Hier in Le silence de la mer ist das verhaltener, »verschlossener« aber gerade durch die Schlichtheit und realistische Kühle so eindringlich.
Dh.: Vercors verfilmt
Hamburger Anzeiger, 28.5.1953