
1939 in irgendeiner Straße in Warschau: Die Kinder verleben einen unbeschwerten Sommer, spielen Fußball und tollen auf der Straße herum. In einem kleinbürgerlichen Mietshaus leben mit ihren Familien der Arzt Doktor Białek, der jüdische Schneider Liberman, der Kleinhändler Kusmirak und der antisemitische Bankbeamte Wojtan. Da überfallen die Deutschen Polen und besetzen die Stadt. Wojtan geht in den Untergrund. Als die Nazis nach ihm suchen, rettet Liberman ihm das Leben. Andere Bewohner des Mietshauses paktieren mit den Besatzern: Die »volksdeutschen« Kusmiraks finden heraus, dass Białek Jude ist und verraten ihn an die Gestapo. Dann werden die jüdischen Bewohner ins Ghetto getrieben, wo sie Misshandlung, Hunger, Krankheit und alsbald der Abtransport ins Konzentrationslager erwarten. Im Mittelpunkt stehen die Kinder, die in höchster Not zusammenhalten: Davidek, der Enkel des Schneiders, Jadzia, die Tochter des Arztes, Bronek, der Sohn des Kutschers und Wladek, der Sohn des Bankbeamten. Am Ende kommt es zum Aufstand im Ghetto, der brutal niedergeschlagen wird. Mit Hilfe seiner Freunde kann Davidek fliehen, entscheidet sich aber, zu seiner Familie zurückzukehren.
1939 on a small street in Warschau: The children are having a carefree summer, playing soccer and frolicking in the street. The families of doctor Białek, Jewish tailor Liberman, retailer Kusmirak and anti-Semitic bank clerk Wojtan live in a petit bourgeois tenement building. When the Germans raid
Dies ist einer jener Filme, die für den deutschen Zuschauer nicht leicht und ohne weiteres anzusehen sind. Einer jener Filme, die, weil sie von der Nazivergangenheit handeln und sie so, wie sie sich dem Auge eines unterdrückten und gequälten Volkes darbot, schonungslos offen und anklagend wiedergeben, ernstliche Ansprüche an den Betrachter stellen: an seine Einsicht, an seine Aufrichtigkeit sich selber gegenüber, an seine Aufnahmebereitschaft, sein Mitfühlenwollen, an seine politische Reife schließlich. [...]
Grenzstrasse das ist ein symbolischer Titel. Er kennzeichnet nicht nur den Schauplatz der Handlung, nicht nur den Standort des gutbürgerlichen Hauses im Warschau von 1939, an dessen Bewohnern sich gleichnishaft das Schicksal ihrer Vaterstadt und ihres Landes vollzieht. Die Straße, die die Menschen dieses Films gehen müssen, grenzt mehr voneinander ab als nur Leben und Tod, Entrinnen oder Untergang. Sie scheidet das Menschsein von der Unmenschlichkeit, den Verrat von der Vaterlandsliebe, das Leidenmüssen vom Kämpfenwollen. Sie trennt damals noch in einem Polen, das erst nach dem Inferno und durch das Inferno der Besatzungszeit die Kraft zu einem großartigen Aufschwung der Selbsterneuerung fand auch in Warschau Juden und Nichtjuden und stellt gegen beide die brutale Willkür von Hitlers schwarzer Leibgarde. Aber sie trennt nicht nur, sie verbindet auch: die Vergangenheit und ihre Opfer mit einer lichteren Zukunft, die sich gemeinsam mit der kampfbereiten Jugend die Besten ihres Volkes hart errungen haben. [...]
Man kann um auch das deutlich auszusprechen nicht erwarten, daß ein Volk, nachdem es jenes unvorstellbare Maß an Leiden durchmachen mußte, von dem dieser Film, so kraß er gelegentlich scheinen mag, doch nur einen bescheidenen Ausschnitt wiedergibt man kann, sagen wir, nicht erwarten, daß dieses Volk seine Peiniger im sanften Licht jener rosaroten Gloriole sieht und zeichnet, die in einer gewissen Sorte deutscher Kriegs- und Heimkehrerfilme schnell wieder Mode geworden ist. Es möge kein Entbräunter kommen und sagen: Es war ja gar nicht so schlimm, oder: Wenn es schon so schlimm war, so darf es doch ein Film nicht zeigen. Erstens war es noch viel schlimmer auch wenn die Einzelheiten sich hier und dort anders abgespielt haben mögen zweitens hat der Film um der historischen Gerechtigkeit willen nicht nur das Recht, sondern die Pflicht zur ganzen Wahrheit. Auch wenn nicht jeder gern an sie erinnert wird. Nach der polnischen Seite wird die gleiche Gerechtigkeit geübt: die dünkelhaften Antisemiten des Anfangs, die Auchpolen, die sich nach der Kapitulation so überraschend plötzlich ihrer »volksdeutschen« Abstammung entsannen, die flotten Mädchen, die schnell genug ihr Herz für die Uniform der Besatzungstruppe entdeckten von der Ehrlichkeit, mit der in der Wiedergabe dieser negativen Erscheinungen hier Gericht gehalten wird, könnte der deutsche Nachkriegsfilm sehr vieles lernen.
Hans Ulrich Eylau: Grenzstraße. Ein Film vom polnischen Schicksal
Tägliche Rundschau, 18.8.1949
Schauplatz ist ein Mietshaus in Warschau: es spiegelt die soziologische und politische Struktur Polens vor dem Kriege. Die eigentlichen Helden aber sind die Kinder dieses Hauses: sie erleben den Krieg, die Besatzung und zuletzt den Aufstand im Ghetto (der hier mit dem polnischen Widerstand identifiziert wird). Dies alles, abgesehen von einigen heroisch-romantisierenden Zügen, wird mit nüchternem Blick gesehen und von einem hervorragenden Kameramann in erschütternde Bildfolgen gebannt: Juden, Christen, Opportunisten, Antisemiten, polnische Partisanen und SS benehmen sich so, wie sie sich vermutlich wirklich benommen haben. Dennoch erscheint diese Wahrheit als eine halbe, nämlich polnische Wahrheit: so gibt es denn in diesem Film keinen einzigen anständigen oder menschlichen Deutschen. Vielleicht sind dem Regisseur, einem Filmgestalter von Format, nur die brutalen SS- und Gestapo-Typen begegnet, deren Verbrechen in Polen für Deutschland eine Schande bleiben werden, und insofern kann man ihm seine Einseitigkeit wohl nicht vorwerfen. Aber sie ist (wie in vielen Filmen, deren guter Wille dennoch das Ressentiment nicht zu überwinden vermag) der Grund dafür, daß man auch diesen Film, trotz seiner künstlerischen und dokumentarischen Qualitäten, letzten Endes nicht zu denen rechnen kann, die wirklich geeignet sind, den Haß zwischen den Nationen abtragen zu helfen genau so wenig, wie das ein Film wäre, der die Deutschenverfolgungen in den deutschen Ostgebieten wahrheitsgemäß schildert, ohne dabei einen einzigen anständigen Polen zu zeigen. Echter Verständigungswille kann nur dort entstehen, wo man sich dessen bewußt ist, daß es, genau wie im eigenen Lager, auch beim Gegner Gut und Böse gibt, und daß die Völker nicht so verschieden sind wie ihre jeweiligen Regierungsformen.
Franziska Violet: Bemerkungen zu einem polnischen Film
Süddeutsche Zeitung, 5.12.1949